Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Wie Künstler aus der Volksrepublik China und Taiwan sich um eine Erneuerung des Musiktheaters bemühen

Opernwelt - Logo

Eigentlich ist Wu Hsing-Kuo die Ruhe in Person. Ein scheuer Mann, in sich gekehrt, ernst. Nur selten huscht ein Lächeln über das scharf geschnittene Gesicht. Wu Hsing-Kuo scheint viel nachzudenken, über die verrückte Welt da draußen, über das Leben, über die Kunst, über sich selbst. Ein Stoiker, von dem niemand erwarten würde, dass er je aus der Haut fahren könnte. Doch er kann. Und wie er kann! Auf der Bühne ist Wu Hsing-Kuo ein anderes Wesen. Denn hier geht es für ihn ums Ganze, um nichts Geringeres als die Menschwerdung des Menschen im Spiel.

Und es muss perfekt sein, dieses Spiel. Die Bewegungen, die Artikulation, der Gesang. Die Maske und die Kostüme. Die Flips und die Salti. Die Gestik und die Musik. Alles muss ineinander fließen und wirken wie aus einem Guss. Keine Flüchtigkeit, kein Makel soll die delikate Balance der Ausdrucksmittel stören. Das Equilibrium, das ihm sein Meister als Ideal auftrug, damals in Taipeh, als er sich zu einem Darsteller des jingju, der so genannten ­Peking-Oper, ausbilden ließ. Die Harmonie, an der er – allen Zweifeln eines wachen, weltoffenen Zeitgenossen zum Trotz, der auch mit Stoffen und Formen des europäischen Theaters experimentiert – bis ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2006
Rubrik: Thema, Seite 40
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Rimsky-Korsakow: Der goldene Hahn

Märchenoper oder politische Parabel? Man ist sich weitgehend einig, dass Rimsky-Korsakow mit der Geschichte vom selbstherrlichen König Dodon das zaris­tische System seiner Zeit treffen wollte. Aber lässt sich das Werk deshalb so mir nichts, dir nichts auf jede andere Regierung übertragen? Andreas Baesler hat in Oldenburg sein Inszenierungskonzept auf die...

Kalafs Halluzination?

Im vergangenen September, angesichts von Peter Konwitschnys szenischer Interpretation des «Eugen Onegin» in Bratislava, hatte ein aus Wien angereister Zuschauer neben mir noch gegreint: «Jetzt kann man hier auch nicht mehr hinfahren.» Sollte der Mann dennoch einen weiteren Versuch gewagt haben, etwa zur «Tu­ran­dot», dürfte Joszef Bednáriks Inszenierung ihm ein...

Gefährdete Gattung

Im Fall der traditionellen chinesischen Oper (xiqu) lässt sich von einem Gesamtkunstwerk der performativen Künste sprechen. Schamanistische Prak­tiken, Tänze, Jahrtausende alte Ringkämpfe und Hochstemmwettbewerbe, Schwertschlucker und Zauberer aus dem Römischen Reich, die über die Seidenstraße ins «Reich der Mitte» gereist waren, oder Bambusstamm-Equilibristen aus...