Spektakulär unspektakulär
Jenes zweigestrichene C, das Rodolfo im ersten Bild der «Bohème» gleich zweimal treffen muss, machte Luciano Pavarotti bekanntlich zum Angelpunkt der Partie, wenn nicht des ganzen Stücks. Gingen die Spitzentöne der Arie «Che gelida manina» und des Finalduetts «O soave fanciulla» daneben, sei der Rest im Grunde schon vergebliche Liebesmüh. Allein, hier irrt Big P., es hängt nicht alles von den höchsten Höhen ab.
Der Koreaner Yikun Chung, der sich in der Rolle des Mimì-Verehrers als neuer Haustenor des Theaters Aachen vorstellte, ist dafür ein überzeugendes Beispiel: Chungs Stimme prägt eine dunkle, ins Baritonale spielende Färbung, seine Gestaltung verrät eine die szenische Präsenz flexibel einbegreifende emotionale Intelligenz. Das Bühnenschicksal des armen Poeten entscheidet sich bei dem Sechsunddreißigjährigen weniger in der Stratosphäre amouröser Lippenbekenntnisse als in den mentalen Höhlen eines gefühlskranken Vaganten, der den physischen Verfall der Geliebten nicht zuletzt als Spiegel der eigenen Malaise begreift. Ein schlüssiges, ein starkes Debüt.
Überhaupt profitiert die Aachener «Bohème» von einem erfreulich konsistenten, rollenadäquat besetzten Ensemble. Irina Popovas ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Nun, da die Welt vermessen ist – und sei es nur durch die Literatur in Gestalt von Daniel Kehlmanns virtuosem Roman über Gauß und Humboldt – nun kann man daran gehen, das Unendliche zu vermessen. So jedenfalls muss das der Komponist Ingomar Grünauer im Sinn gehabt haben, als er anhub, eine Oper über den Mathematiker Georg Cantor zu verfassen. Wer, bitte schön,...
Wenn es stimmt, dass hinter jedem kreativen Kopf das pralle Leben steht, dann ist der Stilpluralismus des Komponisten Osvaldo Golijov wohl vor allem das Ergebnis einer Vita am Schnittpunkt zahlreicher verschiedener Kulturen. 1960 als Kind jüdischer Einwanderer aus Osteuropa in Argentinien geboren, verbrachte Golijov einige Jahre in Israel, um – nach einem...
Was wird in diesem minutiös nachgebauten, von Sonnenlicht durchfluteten Wiener Kaffeehaus des 19. Jahrhunderts mit seinen vom Zigarrenrauch der Jahrzehnte angegilbten Putz wohl gespielt? Lessings «Minna», die in einem Wirtshaus beginnt? Eine Nestroy-Komödie? Schnitzler? Oder doch eine Mozart-Oper? Mit kleiner, separater Bühne ist dieser Ort ausgestattet, einer...
