Kabinettstück

Prokofjew: Der feurige Engel
Rom | Teatro dell’Opera

Opernwelt - Logo

Die Frage nach dem feurigen Engel ist keine, die durch Magie, Wissenschaft oder Theologie beantwortet werden kann. Er ist Symbol, genauer: projizierter Fixstern im jungen Leben Renatas. In Kindertagen war er ihr (einziger?) imaginierter Spielkamerad, in der Pubertät mutierte er zum angstbesetzten, unkontrollierbaren Zerrbild körperlicher Begierden. Dämonisierte Sexualität also, die wie ein Irrlicht in ihrer Seele flackert und Renata im realen Leben zu einem zerrissenen, liebesunfähigen Wesen macht.

Regisseurin Emma Dante findet für dieses zentrale Symbol in Prokofjews musiktheatralischem Vermächtnis eine kongeniale Lösung: ein koboldhaft kostümierter Breakdancer (Alis Bianca) verkörpert Renatas Seelenleiden durch verspielte Agilität, vitalisierende Erotik, abrupte physische Bedrängnis und Entzug. Damit ist er Wunsch- und Gegenbild zu ihrem biederen Rock, der Rüschenhaube, den weiten, den Körper zum Verschwinden bringenden Roben der sakralen Uniformierung im finalen Klosterbild. So eindeutig das Detail, so doppelbödig ist die szenische Komposition: Kostüme und Bühnenbild evozieren zwar historisches Kolorit, zitieren Merkmale eines progressiven, doch verunsicherten 16. Jahrhunderts, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Richard Erkens

Weitere Beiträge
Suggestive Distanz

Eine Frau im Brautkleid, gefangen in Erinnerungen, halb träumend, halb delirierend, tigert durch die große Halle ihres verlassenen, kalten, dunklen Schlosses. Stummfilm-Ästhetik. Waffen und Fahnen an den hohen Mauern, ein Kamin, dessen Größe wetteifert mit der Kälte, die er ausstrahlt. Die Frau ist keine Lucia, auch keine Mélisande, überhaupt alles andere als eine...

Dicke Tränen, süßer Duft

Nebel lastet auf Cornwall, tiefe Trübsal, auswegloser Schmerz. Schwer atmet die Musik, beinahe so, als wäre sie zu Eis erstarrt, als gäbe es kein Morgen mehr. Doch kein Orchester spiegelt, in den uns bekannten, chromatischen Seufzern, diese Tristesse, sondern ein Klavier. Und deswegen ist es eben auch nicht jener irische Küstenort, an dem, tödlich verwundet,...

Kein Ausweg, nirgends

Eine solche Szene gab es noch nie in der Oper Halle: Mitten im Pressegespräch über die neue Spielzeit, zu der das Haus Mitte Mai eingeladen hatte, schnappt sich ein Mitglied des Aufsichtsrats der Theater, Oper und Orchester GmbH (TOOH) das Mikrofon und gibt ungefragt ein Statement in eigener Sache ab. Ein SPD-Stadtrat, der zuvor den Intendanten öffentlich als...