Doppelmoral
Oper ist kein Sport. Doch gelten auch in Opernbetrieben selbstverständlich ein paar zivilisatorische Grundregeln, die denen auf einem Bolzplatz vergleichbar sind. Zum Beispiel die, dass es nach einem fetten Foul die rote Karte gibt und dass nicht zwei auf einmal Erster werden können. Eine Besonderheit, die ein Opernhaus von einem Fußballverein unterscheidet, ist die strukturelle Dichotomie der Doppelspitze, die erstens einen Intendanten und zweitens einen Generalmusikdirektor vorsieht.
Verwaltungstechnisch kann der eine dem anderen vorgesetzt sein, von der Sache her sind sie gleichberechtigt und quasi natürliche Feinde. In dieser Personalkonstellation spiegelt sich nämlich jene Dichotomie zwischen Bühne und Graben, die auch jedem halbwegs gelungenen Gesamtkunstwerk innewohnt, der Widerspruch also zwischen Zeit und Raum, Vernunft und Gefühl, Wort und Musik, Handlung und Gesang, wie ihn schon Oskar Bie als einen «Grundwiderspruch» der Gattung definiert hatte.
Kein Dirigent wird also je Gefallen daran finden, dass seine Sänger auf der Bühne herumhüpfen wie junge Zicklein, Kopfstand machen oder auch nur mal nach hinten in die Gasse singen. Kein Regisseur wird je damit zufrieden sein, ...
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Im Moment der Entgegennahme des freundlichen Auftrags der Redaktion, einen lobpreisenden Text über die Sopranistin Anja Harteros und den Tenor Jonas Kaufmann zu schreiben, mehr noch im Moment der wenig später erfolgten Zusage überkam mich eine Schreibhemmung.
Schon wieder Kaufmann? Für den in den vergangenen Monaten genug Lametta in den deutschen Blätterwald...
Hier oben hat er einen großartigen Blick über Düsseldorf. Von der neu gestalteten Terrasse im sechsten Stock des Opernhauses schaut man über Dächer und Kirchen – unten pulsiert das Leben, oben fegt der Wind. Tobias Richter steht hier oben aber nur ungern, er ist ein Mann des Inneren, des unmerklichen Machens und Lenkens, er ist der Anti-Typ des schneidigen, im...
Der Berliner Komponist Christian Jost beschreibt seine Musik – nicht nur seine Bühnenmusik – gern als «Reise». Die Metapher ist mittlerweile reichlich abgegriffen. Jede zweite Performance wird heute als «Expedition» zu irgendetwas ausgegeben. Bei Jost hat der Begriff jedoch nichts Modisches. Sein Werk ist eine über nahezu zwei Jahrzehnte hin erstaunlich konsequente...
