Mit forschendem Blick
Forschend blickt Christian Gerhaher auf dem Cover dem Betrachter ins Auge, an einen aufmerksamen Psychiater gemahnend. Wer könnte der Patient sein? Robert Schumann selbst? Clara? Wohl sind die «Myrthen», op. 25, die der Komponist seiner geliebten Braut 1840 am Vorabend der Hochzeit metaphorisch ins Haar wand, «eines der schönsten je einem liebend geliebten Menschen gemachte Geschenke», wie der Sänger es im Booklet seiner jüngsten CD formuliert. Und doch transportieren sie in der Retrospektive eben auch den tragischen Verlust.
Als selbsterfüllende Prophezeiung? Auf jeden Fall würde die distanzierte Sicht eines (Psycho-) Analytikers zur Aussage passen, die Gerhaher einmal im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen traf: Er lasse eine Figur zwar durch sich hindurch, aber er sei diese Figur nicht; es gebe da eine unbedingt nötige Distanz. Dabei schafft Gerhaher immer wieder die Quadratur des Kreises, trotz dieser Mauerschau-Perspektive direkt und außerordentlich zu berühren. Im Falle der «Myrthen» nicht nur am Schluss des vierteiligen Zyklus (Gerhaher versteht den Liedkreis eindeutig zyklisch, nicht bloß als Kompilation), da die Summe eines gemeinsamen Lebens gezogen wird. Gerhaher ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Gerhard Persché
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