Verliebt in sich selbst

Sandra Leupold leuchtet am Theater Lübeck in die Herzkammer von Massenets «Werther», Manfred Hermann Lehner dirigiert die Musik im Geiste Debussys

Opernwelt - Logo

Er war der Marktführer im Opernbetrieb der Belle Époque. Die Häuser rissen sich um seine Stücke. Denn Jules Massenet hatte ein feines Gespür für die unlauteren Seh(n)süchte der Bourgeoisie – für eben jene von der Konvention eingehegte Lust auf emotional-erotische Verausgabung, die das Paradies verheißt, doch meist ins Verderben führt. Mit der 1884 an der Opéra Comique uraufgeführten «Manon» hatte er das Bedürfnis nach klangvoll-wohligen Gefühlsschauern exemplarisch bedient – und so die Nachfrage gehörig angeheizt.

Massenet reagierte mit der Verarbeitung eines Stoffes, der wegen seiner teutonischen Herkunft zwar nicht sofort einschlug – die (deutschsprachige)  Premiere fand 1892 in Wien statt, ein Jahr vor der Pariser Erstaufführung der französischen Originalfassung –, der Vorliebe des saturierten Bürgertums für den Kitzel kompromissloser, ja todseliger Entäußerung aber doch entsprach: mit einem Vierakter nach Goethes «Leiden des jungen Werther».

Das von Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann verfasste Libretto hat mit der Vorlage freilich nur noch entfernt zu tun: Die Gewichte sind im Interesse griffiger Bühnenaktion verschoben – vom inneren Erleben des tragischen Helden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Kunstschnee und Konfetti

Nun hat der neue Musikchef also offiziell seinen Einstand gegeben. Mit einer neuen «Traviata», die Willy Deckers legendäre, aus Salzburg übernommene Inszenierung (2010) ersetzt. Wie ein Held wurde Yannick Nézet-Séguin schon gefeiert, bevor der erste Takt der Ouvertüre erklungen war. Als der Dirigent nach der Premiere den frenetischen Schlussapplaus entgegennahm,...

Spurensuche

Es ist eine lange, intensive Beziehung, die Leoš Janáček mit Brünn verbindet. In dieser Stadt, wo sich noch heute zahlreiche (architektonische) Relikte längst verblichenen kakanischen Glanzes auffinden lassen, verbrachte er den größten Teil seines Lebens. Acht seiner neun Bühnenwerke erlebten in Brno ihre Uraufführung, eines der 16 (!) Theater trägt seinen Namen. ...

Apropos... Extreme

Frau Sun, Ihr jüngstes Projekt «Kolik» ist eins der extremsten Stücke seit Langem. Sie sind darin als Sängerin, Schauspielerin und Stimmperformerin gefordert. Was macht den Reiz einer solchen Arbeit für Sie aus?
Zunächst die Tatsache, dass der Protagonist im Original-Monolog ein Mann ist. Dann die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Gegensätzlichkeit. Ich...