Freakshow
In der einen Hand halte sie die Giftphiole, in der anderen den Dolch. Viel mehr, so bedauerte Ferdinand Gregorovius im vorvergangenen Jahrhundert, habe die Historie über Lucrezia Borgia leider nicht zu sagen. Späte Amtshilfe bekam der deutsche Antikenkenner vom Musiktheater, wo ein Donizetti seine Antiheldin in irritierend mitleiderregende Klänge kleidete.
Man kann das sogar anheizen, bis zur radikalen Parteinahme.
Am Landestheater Niederbayern, das sich seit einigen Spielzeiten mutig und erfolgreich dem Belcanto stellt, treibt Regisseur Roland Schwab die Angelegenheit um die Tochter des späteren Papstes um zwei, drei Umdrehungen weiter. Nicht um Mitleid für eine Ausgebootete geht es hier. Es geht um Solidarität für eine Unterdrückte. Schwabs Regieurteil also: kein Mord, bestenfalls Totschlag, vielleicht sogar «nur» Notwehr.
Doch statt zu Phiole oder Dolch greift seine Lucrezia zu Härterem. Am Gas verrecken ihre Peiniger, von denen sie zuvor erniedrigt, misshandelt, sogar mit Urin besudelt worden war. Gewachsen, das zeigt sich jetzt, sind ihr diese präpotenten Kerle keineswegs, die ihrem Hormonstau kaum Herr werden – weil er die entscheidenden Synapsen für Durchblick und ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Markus Thiel
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Zuerst ist alles wie immer im Wuppertaler Opernhaus. Der Nierentisch-Charme im Foyer bezaubert durch seine Sterilität, der Sekt ist süß und das Foyer-Team freundlich – nur dass sich diesmal einige junge Leute in schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift «Support Team» untergemischt haben. Unterstützung beim Klettern, Mitspielen, Singen? So viel wird vom Publikum nicht...
So lange ich denken kann, hat mir der eiserne Grundsatz gute Dienste geleistet: auf Tour nie bei Verwandten wohnen! Nicht, dass ich was gegen die Familie hätte. Es ist bloß so: Wer nicht selbst ein Musikerleben lebt, hat von unserm Tun und Treiben nur eine vage Vorstellung, weiß kaum, was der Job erfordert. Unschuldigen Zivilisten den Künstler-Rhythmus aufzwingen,...
