Kernig, schwerelos
Wenn ein Darsteller vom Format Jonas Kaufmanns auf der Bühne mitmischt, stehen die Chancen auf Gänsehaut nicht schlecht. Man geht allerdings auch das Risiko ein, dass der Rest der Besetzung verblasst – und genau das geschah jetzt in Orange. Zweieinhalb Stunden lang fragte man sich, warum Bizet seine Oper eigentlich nicht «Don José» genannt hat. Dass ein Charakter wie José überhaupt derart zur Hauptfigur aufrücken kann, sagt über Kaufmanns Qualitäten schon eine Menge aus.
Trotz des im antiken Amphitheater gefürchteten Mistrals, der sich nach windstillen Wochen ausgerechnet am Premierentag erhob, war der Tenor der konkurrenzlose Star des Abends. Ließ uns alle seelischen Zustände mit musikalischen Mitteln spüren, beeindruckte mit seiner Fähigkeit, Klangfarben zu modulieren – ganz zu schweigen vom hohen B der Blumenarie, das er erwartungs- und partiturgemäß pianissimo erklingen ließ, schwerelos und doch kernig. Und das mit einer französischen Diktion, an der sich so mancher frankophone Sänger ein Beispiel nehmen könnte. Roberto Alagna kam als Manrico in Verdis «Trovatore» offenbar weniger gut zurecht – er ließ jedenfalls mitteilen, dass er künftig nicht mehr in Orange auftreten wird.
Ka ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 91
von Christian Merlin
I.
Ist er es? Sitzt er da wirklich wieder vor dem Weihenstephan? Dem Hotel nicht weit vom Bahnhof, in dem er, so erzählt man in Bayreuth, jedes Jahr zur Festspielzeit absteigt? Ja, er ist es wirklich. Ein wenig missmutig blinzelt René Kollo (77) in die Sonne. Diese Hitze! Den Rotwein hat er fast geleert, die Zigarre ist fast aufgeraucht. Nur noch eine Stunde bis...
Wolfgang Rihms «Eroberung von Mexico» ist keine Oper, wie es sie von Graun, Spontini oder Sessions zum selben Thema gibt. Man könnte sogar sagen: Hier schreibt jemand an gegen die Oper, gegen ihren Guckkasten, gegen erwartbare Gefühle, gegen lineares Erzählen, gegen eine Musik, die psychologisieren will, gegen eine Sprache, die bloß als Figurenrede daherkommt. Es...
Rossini hat Olga Peretyatko Glück gebracht. Auftritte beim Festival in Pesaro haben ihrer Karriere seit 2006 jenen Schwung gegeben, der sie an viele große Bühnen der Welt führen sollte. Einige Rossini-Arien hatte die Sängerin schon auf ihrem vor vier Jahren erschienenen Debütalbum «La bellezza del canto» gesungen, das jüngste Album ist nun ganz der Musik dieses...
