Seelengewitter
Dass fast alle von vornherein verloren sind, wird schnell klar. Ausstatterin Annemarie Woods, die 2011 (mit anderem Regiepartner) zwei wichtige Nachwuchspreise gewann, lässt den Figuren kaum Raum für Entfaltung – weder in ihrer zwischen Surrealismus und Expressionismus schwankenden Bühne noch in ihren historisierenden Kostümen, die das Stück ins frühe 20. Jahrhundert versetzen. Die Botschaft ist klar: Nur wer im Kopf frei genug ist, entkommt der kleinbürgerlichen Enge – und Kabanicha, die in ihrem Sonntagsstaat unüberwindbar im windschiefen Haus ihres Sohnes thront.
Als wär’s ein von Edvard Munch bebilderter Ibsen oder Strindberg, versucht Regisseur Alessandro Talevi, die psychologischen Zusammenhänge bloßzulegen. Katja scheitert hier zwar auch an ihrem Umfeld, aber vor allem, weil ihre auf tiefe Religiosität gegründete Moral es ihr verwehrt, sich der glücklosen Ehe mit Tichon zu entziehen. Schon vor dem Ehebruch versehrt sie sich sorgend. Während der gefallene Engel Katja nach dem Seitensprung zerbricht, hat die bigotte Schwiegermutter ihre Vorwürfe längst selbst kompromittiert, indem sie Dikoj lust- und schmerzvoll zugeritten hat.
Immer wieder bietet die Inszenierung Bilder in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2012
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Monika Beer
Herr Brück, Sie wirken vom Typus her robust. Sind Sie es?
Ich kann eine Menge einstecken, das ist richtig. Man muss es können. In dem Moment, wo man sich öffentlich präsentiert, wird man auch öffentlich angreifbar.
Als dünnhäutig würden Sie sich nicht bezeichnen. Aber als normal?
Schon, aber mit einer gesunden Portion Schamlosigkeit. Ich denke, das ist sogar ein...
Einen Zyklus mit Meisterwerken des 20. Jahrhunderts zu starten, ist keine neue Idee. Aber darum wird ja nicht schlechter, was das Badische Staatstheater unter seinem neuen Intendanten Peter Spuhler in Szene setzt. Noch verdienstvoller indes: Den Anfang markiert in Karlsruhe «Romeo und Julia auf dem Dorfe» von Frederick Delius.
Die Väter bekriegen sich. Die Kinder...
Sah man’s je? Da sitzen Veit Pogner und Hans Sachs beim anfänglichen Gemeindechoral in der ersten Reihe, lehnt Eva nervös an einem Gerüst, auf dem Stolzing sich verbirgt. Zweimal während des frommen Gesangs kann Sachs es nicht lassen und blickt, quasi über die Schulter, zu Eva herüber, als ahne er nichts Gutes. Auf der anderen Seite späht David nach seiner Lene und...
