Mut zur Attacke
Vorerst läuft die Killerpartie für sie noch unter «Experiment». Zweimal zum Debüt, wie gerade absolviert, bei den Münchner Opernfestspielen, im Herbst folgt eine Serie an der Met. Immerhin ist das öfter als bei der Callas, die sich Verdis Lady Macbeth kein halbes Dutzend Mal live zugetraut hat. Und so überraschend ist das Wagnis bei Anna Netrebko nicht. Die Stimme drängt zum Dramatischen und fühlte sich noch nie so recht wohl beim Zierrat (auch wenn die Anna Bolena im Repertoire bleibt).
Was in München bei der Wiederaufnahme von Martin Kusejs Inszenierung zu erleben war, ist ein imponierendes erstes Lady-Statement. Mit raumgreifenden, effektvollen Tönen, mit Mut zur Attacke und mit der großen Lust, sich in Grenzbereichen zu bewegen. Vor allem aber: mit dem festen Entschluss, nicht vokal zu grimassieren, sondern die Rolle tatsächlich zu singen.
Die Netrebko wird mit der Lady gezwungen zur Nuance, zum Offensiven. Das tut gerade ihr gut, die sich gern hinter ihrem apart-verhangenen Timbre versteckt. Man hört allerdings auch anderes: aufgerissene Töne in der Höhe und Verspannungen ab der unteren Mittellage. Anfangs ist die Intonation noch übersteuert, in der Wahnsinnsszene hat einen ...
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Opernwelt August 2014
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Markus Thiel
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