Seufzer im WC
Eine Teufelin? Eine skrupellose Giftmischerin? Auch das ist Lucrezia Borgia. Doch vor allem ist sie unglücklich. Verheiratet mit einem brutalen Machtmenschen und Mutter eines verheimlichten unehelichen Sohns, dessen Liebe sie sucht, obwohl sie ihm die Wahrheit nicht sagen kann. Am Theater St. Gallen hat der Regisseur Tobias Kratzer Donizettis Stück auf die Bühne gebracht. Während der Ouvertüre zeigt er Lucrezia am Toilettenfenster, wo sie sich fortträumt aus dem goldenen Käfig ihrer Ehe mit Alfonso. Mit dem gleichen Bild endet die Aufführung.
Doch jetzt ist sie am Rand des Wahnsinns: Um sich für eine öffentliche Demütigung zu rächen, hat sie eine Clique junger Männer in die Falle gelockt und vergiftet; zu spät erkennt sie, dass sich ihr Sohn Gennaro unter den Opfern befindet.
Der von Rainer Sellmaier entworfene Bungalow steht irgendwo im heutigen Italien; Alfonso ist ein Industrieller, vielleicht auch ein Mafiaboss. Der einstöckige Bau lässt sich drehen, so dass die großen Fenster den Blick in unterschiedliche Räume freigeben. Drinnen Designermöbel und zeitgenössische Kunst. Ein Blutfleck unter dem Teppich deutet auf die Verbrechen, mit denen Alfonsos Macht und Reichtum erkauft ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alfred Ziltener
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