Mythos und Moderne
Der Empfang ist frostig, die Stadt zeigt ihr grimmiges Gesicht. Schneeschauer, eisige Winde, auch der Busfahrer scheint nicht seinen besten Tag zu haben. Mit versteinerter Miene manövriert er sein Gefährt durch die weißgraue Landschaft, und wer unsicher ist, an welcher Haltestelle er aussteigen muss, hat eben Pech gehabt. Das alles bei minus fünf Grad. Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Aber erstens ist das nur der Prolog, zweitens Humor hilfreich und drittens der etwas andere Traumtanker.
Seit 1994 residiert die (architektonisch einem Schiffskörper nachempfundene) Oper Göteborg, die zuvor im pittoresken Stora Teatern an der Kungsportavenyn ihr Domizil hatte, am Hafen. Und dort, inmitten der Kräne und Werften, haben sie große Pläne. Der erste «Ring» soll es sein; einer, der offen thematisiert, wie der Homo sapiens, angetrieben vom Wunsch nach Macht und Profit, die Natur und damit seine Lebensgrundlage ruiniert, und was das alles mit der «menschlichen» Natur macht. Ein Musiktheaterprojekt das, wie Stephen Langridge es formuliert, «zwischen Mythos und Moderne» vermitteln, die schlichte wie existenzielle Frage stellen will: «Wie wollen wir leben?» Das große Ganze also: die con ...
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Opernwelt März 2018
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Jürgen Otten
Wo Musik ist, muss ein Dämon sein», bemerkte der New Yorker Geiger Herman Martonne einmal über Mahler. Er hatte dabei weniger den Komponisten als den Dirigenten im Sinn. Einen Dämon, der, nicht nur in Tempofragen, allein dem eigenen inneren Kompass vertraute. Einem Instinkt freilich, der, historisch informiert, auf die unerhörte Vergegenwärtigung des Vergangenen...
Stille Nacht, heilige Nacht? Bacchus bewahre. Dieses Notturno kennt andere Vorlieben, und man benötigt nicht besonders viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, was da hinter geschlossenen Gardinen geschieht. Mit Feuer und Furor wühlen sich die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg («Bichette») und ihr Liebhaber Octavian («Quin-Quin») durch den nächtlichen...
Geht es um Belcanto, «geben sich die Produzenten meist damit zufrieden, um ein paar Vokalstars herum dekorative Arrangements zu schaffen», habe ich aus früherem Anlass einmal moniert. Wie schön, dass ich jetzt von drei prominenten Gegenbeispielen berichten kann, bei denen die Regisseure die szenischen Herausforderungen und Möglichkeiten, die in den Stücken stecken,...
