Liebe ist keine Möglichkeit: Jonas Kaufmann (Don Carlos) und Elīna Garanča (Eboli); Foto: Theater/Agathe Poupeney
Schrille Prosa, stille Poesie
Stéphane Lissner, Herr über die Opéra national de Paris, musste lange bangen um seine vielleicht wichtigste Premiere in dieser Saison. Die Ankündigung von Massenstreiks gegen die Reformpolitik des neuen Präsidenten Emmanuel Macron drohte das große Ereignis platzen zu lassen. Doch schließlich blieb die Opéra Bastille verschont, zogen Tausende Demonstranten eine Stunde vor Beginn der Aufführung in mehr angeregt-karnevalesker als dezidiert finsterer Stimmung an dem Haus vorbei.
Zur selben (Nachmittags-)Zeit pilgerten unauffällige Scharen gutbürgerlicher Besucher ins Innere des Musentempels. Anberaumt war der (inklusive zweier Pausen) viereinhalbstündige, bis auf das Ballett ungekürzte «Don Carlos» von Verdi – in der französischen Version also, ein spätes Haupt- und Glanzstück der Grand Opéra.
Es handelt sich hier um ein leidenschaftliches Liebes- und Freundschaftsdrama, das vor dem allgegenwärtigen Hintergrund eines kirchlich geknebelten Zwangsstaates spielt, der zwischen kolonialem Reichtum und drohender Auflösung ins Taumeln gerät, mit einem zwischen politischer Realität und ideologischer Illusion vagierenden Herrscher. Dieser Felipe II. gehört zu den tragischen Geschichtsfiguren – ...
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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Hans-Klaus Jungheinrich
«Die Zeit, die ist ein sonderbar’ Ding.» Für ihre 2001 erschienenen Lebenserinnerungen wählte Hilde Zadek diesen zentralen Satz der «Rosenkavalier»-Marschallin, ihrer Lieblingspartie, die sie in der ganzen Welt gesungen hat. «Was ist die Zeit, und warum ist sie ein sonderbar’ Ding?», fragt die Sängerin in ihrem Buch und spricht dann von den verschiedenen Phasen...
Neue Musik für oder mit Stimme – das ist der gemeinsame Nenner. Sonst haben die drei CDs wenig gemein. Die Sopranistin Sarah Maria Sun wirkt zwar gleich bei zwei der hier vorgestellten Produktionen mit. Doch das vergleichende Hören zeigt einmal mehr die (nicht mehr ganz so neue) Unübersichtlichkeit gegenwärtigen Komponierens an.
Sarah Maria Sun und ihr...
Wenn im Dunstkreis Richard Wagners von Architektur die Rede ist, fällt zwangsläufig der Name Gottfried Semper: Mit dem Freund aus Tagen des Dresdner Mai-Aufstands teilte Wagner nicht nur das Schicksal des Exilanten. Gemeinsam hatte man viel über ein Festspielhaus der Zukunft nachgedacht. Sempers monumentaler Entwurf für München wurde bekanntlich nicht umgesetzt....
