Nie war so viel Lärm wie heute

Opernwelt - Logo

In vielen Dingen war Christian Morgenstern ein Prophet. Vor hundert Jahren dichtete er: «Die Luft war einst dem Sterben nah: ‹Hilf mir, mein himm­lischer Papa!› Der Herr, sich scheuend vor Blamage, erfand für sie die Tonmassage, wobei die Luft famos gedeiht...» Die Tonmassage hat sich aber erst lange nach Morgensterns Tod auf das Präch­tigste entfaltet und wird seit einigen Jahren nicht nur in der Luft, sondern auch im Wasser angewendet. «Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen», trällerten die Comedian Harmonists.


Wer heute jung und vergnügt ist, singt nicht, sondern dreht den Stereo-Verstärker auf. Tatsächlich spielt das Machtgefühl dabei mit. Mit tausend Watt Nennleis­tung, so viel wie ein bescheidener Staubsauger hat, kann man ein ganzes Wohnviertel zum Wahnsinn treiben und Funkstreifen in Trab setzen. Peinlicherweise verhindert die Biologie ein Anhalten der Wirkung. Man gewöhnt sich (scheinbar) an größeren Schalldruck. Jeder Diskotheken­betreiber weiß das, wenn er im Lauf des Abends die Lautstärken in die Höhe treibt, um eine subjektiv gleichbleibende Bedröhnung zu gewährleisten. Die Schmerzgrenze für den Menschen liegt bei 120 dB, in einer beliebten Kopenhagener Disko wurden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2005
Rubrik: Kommentar, Seite 72
von Dietmar Polaczek

Vergriffen
Weitere Beiträge
Offenbach: Les Contes d´Hoffmann

Wer die Repertoireoper à la Wien oder München schätzt und das Stagione-Prinzip verabscheut, braucht sich nicht länger aufzuregen: Wenn er an einem Stagione-Opernhaus eine Vorstellungsserie versäumt, kann er in der Regel die begehrte Aufführung alsbald an einem ­anderen Operntheater nachsitzen. Geldknappheit und Ressourcenschwund zwin­gen die europäischen...

Die humane Klage

 

Renata Tebaldi, die 82-jährig in ihrem Haus in San Marino gestorben ist, verkörperte das ästhetische Ideal der veris­tischen Primadonna in vollendeter Ausprägung. Der Verismo war in der italienischen Oper in den ersten drei Jahrzehnten nach dem Krieg, in denen sich Renata Tebaldis Glanzkarriere entwickelte, noch keineswegs passé und blieb für die Art etwa eines...

Sanfte Enttäuschung

Der ultimative «Eugen Onegin» ist dieser Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper nicht, er hält lediglich ein regionales Ereignis fest: die mit berühmten Stimmen besetzte erste Wiener Aufführung der Oper in der russischen Originalsprache.
Das Unternehmen krankt schon vom Pult aus. Seiji Ozawa sucht das, was er für «russische Seele» hält, durch lähmend langsame Tempi...