Mal ehrlich: Aus dem Leben eines Taugenichts

Opernwelt - Logo

Gestern haben wir uns ein Musical angesehen. Von mir aus wär ich wohl kaum hingegangen, aber eine Freundin hat da mitgemacht. Versteht sich von selbst, dass wir nachher auch hinter die Bühne sind, um ihr vorzuschwärmen, wie sehr wir den Abend genossen hätten. Dabei war’s schrecklich. Einfach grauenhaft – zu lang, zu platt, zu schlecht gemacht. Ich wusste es, die Freundin wusst’ es auch. Das Lächeln steif, die Stimme höher als sonst und hohl, log ich ihr mitten ins Gesicht. Macht man halt so.

Ich war nicht der Einzige.

Die Zuschauer hatten den Abend großteils im kollektiven Koma verbracht, doch kaum war die Tortur vorbei, schossen sie von ihren Sitzen hoch und jubelten den armen Affen auf der Bühne zu, als gält’s ihr Leben. Macht man halt so im Musical.

Wenn ich die Sache richtig beurteile, fand das Ensemble die wilde Zuneigung zwar enorm beruhigend, aber auch ziemlich irritierend. Ich gehe jede Wette ein: Alle da oben wussten genau, dass die Show ein faules Ei war. Und dafür, dass sie sich mit jeder Faser und ohne Rücksicht auf die persönliche Würde in einen solchen Mist geworfen hatten – mitgehangen, mitgefangen –, hatten sie den Applaus irgendwie ja auch verdient. Jeden einzelnen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Christopher Gillett

Weitere Beiträge
Eklektizismus und Eleganz

Ermanno Wolf-Ferraris «Schmuck der Madonna» wurde 1911 in Berlin uraufgeführt und war sofort ein Erfolg. An der Metropolitan Opera in New York kam das Stück mit Maria Jeritza und Giovanni Martinelli heraus. Mehr war damals nicht drin. Und höher kam auch Puccini nicht hinaus. Eine späte Verismo-Oper? Zumindest teilweise. Neapel als Ort des Geschehens spricht dafür,...

Liebeserklärung

Ein «symphonisches Drama» hat Satie seine 30-minütige Kantate über die letzten Tage des Sokrates genannt. Man kann diesen Wink nur als Witz verstehen, als sarkastischen Seitenhieb auf Berlioz und seine Programmsinfonik. Denn das 1917 und 1918, zur Hochzeit des dadaistischen Sturms auf die bürgerliche Hochkultur, im Auftrag einer lesbischen Prinzessin entstandene...

In den falschen Körperteil geschlagen

Hack- oder Filetsteak, das ist hier die Frage. Der «Vampyr» in der 90-minütigen Fassung des gefeierten Schauspielregisseurs Antú Romero Nunes (dem an der Bayerischen Staatsoper bereits «Guillaume Tell» anvertraut war, siehe OW 8/2014) bietet vor allem Blutsauger-Geschnetzeltes von dem sonst zwei Stunden dauernden Werk. Freilich ist dies genau das, was Nunes am...