Bilder und Zeiten
Das Streichersextett spielt die ersten Akkorde, da zerreißt ein Heulton den kammermusikalischen Wohlklang. Fliegeralarm, wie üblich. Die Musiker tragen ihre Geigen und Celli gelassen Richtung Bunker, der Hausdiener klappt routiniert den Deckel des Spinetts zu und wartet die Bomben ab. Wir befinden uns im Jahr 1942, zur Zeit der Uraufführung von Richard Strauss’ «Capriccio». Wir befinden uns zugleich in einem Salon im vorrevolutionären Frankreich. Und wir befinden uns im Meininger Theater – wo Anthony Pilavachi «Capriccio» hintersinnig und zeitenüberspannend inszeniert.
La Roche, Theaterdirektor und Verfechter der tradierten Künste, wandelt zwischen dem kriegsverheerten Deutschland Strauss’ und dem Salon der Gräfin Madeleine, die keine größere Sorge kennt als eine Musenfrage: Welcher Kunst ist der Vorzug zu geben, der Poesie oder der Musik? Und welchem Verehrer: dem Dichter Olivier oder dem Komponisten Flamand?
Das «Konversationsstück für Musik» lebt von seinen raffiniert verschachtelten Erzähl- und Reflexionsebenen. Schauspiel und Dichtung contra Musik, Tradition contra Reform, hehre Kunst contra Materialismus, dazu mehrere ebenso handfeste wie symbolbefrachtete Liebes- und ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Frauke Adrians
Place de la Bastille. Stéphane Lissner empfängt an seinem Arbeitsplatz. Im (nicht mehr ganz) neuen zweiten Haus der Opéra de Paris. Seit August 2014 leitet der 62-Jährige den größten Theaterbetrieb Frankreichs. Gerade hat er in der Bastille Oper seine erste eigene Saison eröffnet. Mit «Moses und Aron», jenem «Endspiel» (Hans Mayer), das er vor 20 Jahren zum ersten...
Kadmos, der Gründer Thebens, ist als König zurückgetreten. Nachfolger wird sein Enkel, der sinnenfeindliche Asket Pentheus, dem das Volk davonläuft, weil es den Orgien des Dionysos erliegt. Alle Verbote sind vergeblich, selbst Pentheus’ Mutter Agaue folgt den Verlockungen des Rauschgottes. Als Pentheus, im Gewand der Mutter, schließlich selbst den Berg Kytheron...
Irland ist ein sangesfreudiges Land. In fast jedem Pub klampfen bärtige Barden schmissige Songs und traurige Balladen. Dass die grüne Insel in Sachen Oper noch immer als Diaspora gilt, ist der Historie geschuldet: Das einstige Armenhaus Europas hatte wenig Bedarf an feudaler Zerstreuung durch repräsentatives Musiktheater. Auch der Bürgerstolz, der im 19....
