Subtile Zeichen
Irgendjemand muss die Sache ausgepackt haben. Ganz vorsichtig, so wie es die Schriftzüge auf den Kulissenteilen («Fragile», «Handle with care!») empfehlen. Auch weil man dem Stück ja nicht mit der Pranke beikommen kann: Jules Massenets «Werther» ist ein Drama aus dem Reich der Zwischentöne, eine Studie der feinnervigen, mal eindeutigen, mal kaum wahrnehmbaren Kraftfeld-Verlagerungen, aus der Entäußerungen à la «Pourquoi me réveiller» wie Notwehraktionen vereinsamter Individuen herausragen.
Und gerade, weil Realismus und das grobe Sezierbesteck nichts taugen, hat das Theater Augsburg sehr viel richtig gemacht.
Hausherr André Bücker entwirft mit Jan Steigert (Bühne) und Suse Tobisch (Kostüme) ein System der subtilen Zeichen. Bleichgesichter, vielleicht Untote sind es, die sich in fast stilisierter Choreografie, gekleidet in schwarzes Rokoko, umkreisen. Das so hemmende gesellschaftliche System wird widergespiegelt in prätentiösen Gesten. Unberührbare sind Charlotte und Werther, einmal fassen sie sich an den Händen. Es ist das höchste der Gefühle.
Kirche, Zimmer und Baum im Kartonschick, alles fahrbar wie im Theater-auf-dem-Theater, markieren die Szene. Krähen sitzen in den Zweigen. ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Panorama, Seite 30
von Markus Thiel
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