Wer zündelt, ist selbst schuld

Nikolaus Harnoncourt und Andrea Breth entdecken «Carmen» beim Styriarte-Festival in Graz

Opernwelt - Logo

Dass Friedrich Nietzsche früh und folgenschwer vor «Carmen» in die Knie ging, hatte wenig mit Argumenten und viel mit persönlicher Befindlichkeit zu tun. Nietzsche brauchte «Carmen», um sich wirkungsvoll von Wagner abstoßen zu können. Wenn er sie nicht gefunden hätte, hätte er sie erfinden müssen. Deshalb ist an seinem «Carmen»-Bild viel Wahres, aber es hängt schief. «Keine Senta-Sentimentalität», jubelte Nietzsche und fand «Liebe als Fatum, als Fatalität, zynisch, unschuldig, grausam – und da­rin eben Natur!» Adorno hat das noch weiter exponiert.

Für ihn steckte in «Carmen» der «Sexus selber»: «vorweltlich und vorgeistig».
Damit war die Zigarettenarbeiterin aus einem fiktiven Sevilla eingemeindet in den Kreis musiktheatralischer Hochkultur: Carmen als leibhaftiges Pendant zu Don Giovanni. Mit diesem Aufstieg zur Freiheitsheldin ist unvermeidlich ein Abstieg verknüpft: Als bildungsbürgerlich hochstilisierte, archaische Figur wurde Carmen verfügbar. Jeder kann sich unter ihrem Mythos etwas anderes, vermeintlich Eigenes vorstellen. Jeder Mezzo fühlt sich passend, jeder Dirigent als Torero, jeder Regisseur kompetent. Jeder Theaterpförtner weiß, wie das Stück eigentlich geht. Jeder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Das Wiener «Dönchen»

Die einen halten es mit der alten Furtwängler-Aufnahme, die anderen schwören auf Harnoncourt, wieder andere erinnern sich an Karajan – die Geschichte des Mediums DVD ist noch vergleichsweise jung, doch an Dokumenten von Mozarts «Don Giovanni» mangelt es nicht. Jetzt gesellen sich zwei weitere Alternativen dazu.
Riccardo Muti leitete bei den Wiener Festwochen 1999...

Bellini: Norma

Bellinis «Norma» steht und fällt mit den beiden Frauenstimmen. Ob die beiden jungen russischen Sängerinnen Mlada Khudoley (Norma) und Ekaterina Gubanova (Adalgisa) sich in Partien, die geradezu als Inbegriff des Bellini’schen Belcanto gelten, die hochgesteckten Erwartungen erfüllen konnten? Und wie sie es taten! Insbesondere Khudoley überrascht mit ihrem breiten...

Flucht ins Rokoko

«Comédie chantée» nannte Jules Massenet seinen 1905 uraufgeführten «Chérubin», ein entzückendes Werk über den nun etwas erwachsener gewordenen, aber immer noch in alle Frauen verliebten pubertären Cherubino: voller Leichtigkeit und Witz, dramaturgisch exzellent gebaut mit einer ausnehmend vielseitigen, qualitätvollen Musik, die auch schon mal nach der Opéra comique...