Die doppelte Bartoli
Ein wenig ungalant ist es schon, aber sie provoziert eine solche Teilung der Karriere ja selbst – in eine «alte» Cecilia Bartoli und in eine «neue». Und das Beste ist: Beide begegnen einem innerhalb von nur 24 Stunden auch noch am selben Ort, in Salzburgs Haus für Mozart. Die frühere, der Koloraturenspringball, die Sängerin, die irrsinnigen Spaß am Zierrat hat, an der Jonglage mit Noten und Dynamikwerten, am Charmieren mit Kollegen, Dirigent und Parkett, die ist bei Händel aktiv. In einer konzertanten «Semele», die weitgehend identisch ist mit der Zürcher Besetzung von 2009.
Charles Workman als Jupiter ist wieder dabei, dessen Stimme zum Heldischen drängt, aber nichts von ihrer Geläufigkeit eingebüßt hat. Und Birgit Remmert, die ihre Juno so herrlich aufplustern kann, dass die Blitze des Gatten dagegen wie müdes Funkeln wirken.
Aber entscheidender ist ja die andere Bartoli, die sich hier, am Schauplatz ihrer eigenen Pfingstfestspiele, entwickelt. Mit Bellinis «Norma» hat das vor zwei Jahren angefangen. Und jetzt, mit Glucks «Iphigénie en Tauride», hat sie eine weitere Tür aufgestoßen: So schonungslos, so ungeschminkt, so herb war die Römerin nie. Vielleicht auch, weil sie weiß, dass ...
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Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Markus Thiel
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