Herzensangelegenheit
«Wählt der Herr einen heil’gen Stoff?» Das fragen die Meistersinger von Nürnberg ihren Vorsingkandidaten Walther von Stolzing, wobei die Antwort, jedenfalls aus Sicht der Meister, etwas diffus ausfällt: «Was heilig mir, der Liebe Panier schwing ich und sing ich.»
Auch Bejun Mehta schwingt auf seinem neuen Album «Cantata – yet can I hear ...» solcherart zwischen dem Geistlichen und dem Weltlichen, wie es der in dieser Hinsicht flexible Formbegriff der Kantate hergibt.
Also treffen Georg Friedrich Händels «Mi palpita il cor» und Antonio Vivaldis «Pianti, sospiri e dimandar mercede» über die Qualen des unerkannt beziehungsweise unglücklich Liebenden auf Johann Christoph Bachs «Ach, dass ich Wassers g’nug hätte» und Johann Sebastian Bachs «Ich habe genug» über zwei, die sich von all dem weltlichen Tand, die Liebe wahrscheinlich eingeschlossen, schon verabschiedet haben.
Die emotionale Bandbreite dafür hat der Countertenor, die Technik sowieso. Und in der Akademie für Alte Musik Berlin mit ihrem Konzertmeister Bernhard Forck selbstbewusste, musikrhetorisch beredte Partner, die üppige Farbigkeit beisteuern. Mehtas Stimme, von geschmeidiger Flexibilität in der Linienführung, gerät ...
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Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Michael Stallknecht
Über die gleißende Marmorfläche vor dem Königlichen Opernhaus Maskat zieht eine Poliermaschine träge Kreise; in der Mall, die dem Theater einen Teil seines Budgets generiert, langweilen sich die Verkäufer. Trüb dümpelt die Sonne im Dunst aus Meeresdampf und Wüstenstaub. Wer seine Sinne beisammen hat, beschränkt tagsüber seine Wege auf Arbeit und Moschee.
Am...
Schwarz oder Weiß, mehr Auswege bietet der Belcanto nicht. Für die Bühnendamen, geknechtet vom Patriarchat, bietet er dennoch Unschätzbares: Vokalfutter, das den Kerlen nicht ansatzweise vergönnt ist, ob Wahnsinn (Donizetti/Bellini) oder Widerstand (Rossini). Wobei sich im letzteren Fall alle Träger des Y-Chromosoms hüten sollten. Jedes Gelächter fällt schließlich...
Vielleicht war Dieter Schnebel unter den Komponisten der Nachkriegsavantgarde derjenige, der die Grenzen des Experimentellen am weitesten erforschen konnte. Das Reflektieren, Probieren auf den Feldern des musikalisch Neuen betrieb der Musikwissenschaftler, Theologe, Essayist und Hochschullehrer bis ins hohe Alter. Noch kurz vor seinem Tod am 20. Mai präsentierte...
