Postsozialistisches Roulette
Erst vor ein paar Monaten war Tschaikowskys «Pique Dame» als Gastspiel des Petersburger Mariinsky-Theaters in der Deutschen Oper zu sehen; auch die Produktion der Staatsoper unter Daniel Barenboim mit Plácido Domingo liegt noch nicht lange zurück. Die Komische Oper musste also triftige Gründe haben, dieses Stück in einer neuen deutschen Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze auf den Spielplan zu setzen.
Eine Spieleroper in Zeiten der Finanzkrise? Das wäre ein Ansatz. Aber so weit geht Thilo Reinhardt mit der Aktualisierung nicht.
Er verlegt die Handlung eher behutsam aus dem Petersburg des 19. Jahrhunderts in ein örtlich nicht präzise bestimmtes Russland nach dem Sozialismus. Anstelle des Adels der Zarenzeit bildet eine Neureichen-Clique die Elite. Für den Habenichts Hermann ist das einerlei, und der Spieltisch bedeutet noch immer eine Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg. Der Transport ins Heute gelingt überraschend konsequent und schlüssig, wenn auch um den Preis gesellschaftskritischer Schärfe. Denn die Hotel-Lobby, die Paul Zoller als Einheitsraum geschaffen hat und in der die sieben Bilder gleitend ineinander übergehen, könnte in jeder beliebigen Stadt zu finden sein ...
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Nehmen Sie überhaupt alles so, wie wenn es sich vor zwei oder drei Jahren irgendwo zwischen Moskau und Neuyork zugetragen hätte», riet Hugo von Hofmannsthal seinem Partner Richard Strauss bei einem Konzeptionsgespräch zur gemeinsamen Oper «Die ägyptische Helena». Zwanzig Jahre nach ihrer Zusammenarbeit an «Elektra» wollte der Dichter den Komponisten noch einmal für...
Der belgische Komponist Philipp Boesmans (Jahrgang 1936) hält unerschütterlich an der traditionellen Literaturoper fest. Raumklang, Klangtheater, Hör-Stücke, womit viele aktuelle Komponisten bevorzugt experimentieren, interessieren Boesmans nicht. Er braucht ein gutes Theaterstück, aus dem sich ein operngerechtes Libretto herstellen lässt. Solche Stücke hießen bei...
Ein kahl rasierter Schädel. Die Stirn leuchtet kalt. Stechende Augen, schwarz gerändert. Ein Blick, der töten könnte. Hinten lodert es goldgelb. Wo ich bin, suggeriert das angeschnittene Gesicht auf dem Programmheft des Staatstheaters Braunschweig, da brennt die Luft. Wer mir zu nahe kommt, dem kocht das Blut in den Adern über. Cardillac ist in Klaus Weises (aus...
