Vexierbilder der Gewalt
Der erste Schock stellt sich ein, wenn der Vorhang hochgeht. Man fühlt sich in ein Filmstudio oder ins Laientheater versetzt: links das Portal einer Kirche – die Handlung spielt 1414 zur Zeit des Konstanzer Konzils –, rechts das schmucke Fachwerkhaus des jüdischen Goldschmieds Eléazar, dazwischen ein Platz, der den Blick auf einen Wehrgang freigibt. Ein pittoreskes Mittelalter im überdimensionierten Puppenstubenformat, wie das Libretto es andeutet. Doch es sollte, scheinbar, noch schlimmer kommen.
Wenn der Chor nach dem einleitenden «Tedeum» auf die Szene strömt und sich die Massenhysterie aus Jahrmarktstaumel und Judenhass auf Eléazar und seine Tochter Rachel entlädt, werden wir Zeugen einer farbenfreudigen Verkleidungsshow, die aus Alltagsfiguren jene Laienschar macht, die als blindwütiges Kollektiv das grausame Katz-und-Maus-Spiel des antisemitischen Pogroms beginnt. Die überrumpelnde Theatralik, der Jossi Wieler und Sergio Morabito sich hier bedienen, erinnert an Elias Canettis Beschreibung der Hetzmeute in «Masse und Macht» und schreckt selbst vor der Groteske nicht zurück – wenn Neider dem Kaiserdarsteller die Krone und den Purpurmantel herunterreißen oder gleich drei ...
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«Es war ein wirkliches Erlebnis meines Beobachterjahres, als ich das Diminuendo seines hohen C's in ‹Salut, demeure chaste et pure› hörte. Solange ich lebe, werde ich die Schönheit dieses Tons nicht vergessen.»
(Rudolf Bing, «5000 Abende in der Oper»)
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Als die dreizehnjährige Ballettschülerin Edith Aptowitzer am 14. März 1938 zum Unterricht in die Staatsoper will, tritt ihr ein Pförtner in den Weg. «Juden kommen hier nicht rein», erklärt er. Die heute 83-Jährige schildert den Vorfall mit stockender Stimme bei der Pressekonferenz zur Ausstellung der Wiener Staatsoper «70 Jahre danach – Täter, Opfer, Zuschauer»....
