Der zärtliche Blick aufs Furchtbare

Die Wiener Festwochen starten mit einer exemplarischen Produktion von Mozarts «Lucio Silla» und einer Marthaler-Uraufführung

Opernwelt - Logo

Sitz!», herrscht uns die junge Frau an, und: «Platz!». Beinahe geben wir Pfötchen. Der Imperativ freilich ist lautlos, ein aufgedruckter Slogan auf ihrem T-Shirt als Platzanweiserin bei den diesjährigen Wiener Festwochen. Ein witziger Einfall, scheint’s, wie der auf Plakaten erscheinende Cartoon mit dem scheckigen Hund, dem ein junger Mann mit gelber Krawatte sanft den Kopf tätschelt. Doch plötzlich, auf dem letzten Bild, hat der Hund die abgebissene Hand des Tätschlers im Maul.
Tuet Böses denen, die euch lieben? Nicht ganz.

«Sitz!» sowie das herablassende Tätscheln stehen vielmehr für eine Haltung, wie Menschen sie wohl nicht nur bei Hunden, sondern häufig auch gegenüber anderen Menschen einnehmen, Reiche gegenüber Armen, Westler gegenüber Ostlern, Erstweltler gegenüber Drittweltlern. «Grenzen und Ausgrenzung» heißt denn auch das Motto der Wiener Festwochen in diesem Jahr.
Claus Guth greift es in seiner Inszenierung von «Lucio Silla», der aufbruchsbereiten Opera seria des knapp siebzehnjährigen Mozart, auf seine Weise auf: Die Geschichte von der erfolglosen Liebeswerbung des römischen Diktators Silla um die Gunst von Giunia, der Braut seines Erzfeindes Cecilio, spielt hier in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2005
Rubrik: im focus, Seite 14
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Laboratorium im Regenwald

Zwei Uhr früh. Der Himmel über Manaus ist schwarz. So schwarz wie das Wasser des Rio Negro, der sich an dem 1,5-Millionen-Nest mitten im Amazonasdschungel vorbeiwälzt. Fünfunddreißig Grad. Gefühlte Temperatur: fünfundvierzig Grad. Die Luft steht. Ein klebriges Gemisch, das so viel Feuchtigkeit mit sich zu führen scheint wie der mächtige Fluss, der an den Rümpfen...

Des Meeres und der Liebe Wellen

Die Situation, mit der uns Alessandro Scarlattis 1718 in Rom uraufgeführtes Melodramma «Telemaco» konfrontiert, ähnelt einer anderen Oper, die auf denselben Stoffquellen – Homers «Odyssee» und Fénelons aufklärerischem Erziehungsroman «Les Aventures de Télémaque» – beruht: Mozarts «Idomeneo». Wie der aus dem trojanischen Krieg heimkehrende Kreterfürst wird auch...

Plauen/Zwickau, Schumann: Der Rose Pilgerfahrt

Was eine Oper sei? Seit den Tagen Monteverdis wird über diese Frage rechtschaffen gestritten; und vor allem die Debatte darüber, ob ein Oratorium fürs Musiktheater tauge oder nicht, hat die Disputanten stets zu neuen Argumenten beflügelt. Im Falle von Robert Schumanns «Der Rose Pilgerfahrt» allerdings schien es bislang Common Sense zu sein, dass dieses letzte der...