Suggestive Distanz
Eine Frau im Brautkleid, gefangen in Erinnerungen, halb träumend, halb delirierend, tigert durch die große Halle ihres verlassenen, kalten, dunklen Schlosses. Stummfilm-Ästhetik. Waffen und Fahnen an den hohen Mauern, ein Kamin, dessen Größe wetteifert mit der Kälte, die er ausstrahlt. Die Frau ist keine Lucia, auch keine Mélisande, überhaupt alles andere als eine Opernfigur.
Gespielt wird Frank Martins «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke», ein balladenhafter Liederzyklus für tiefe Frauenstimme und Kammerorchester, der im Auftrag des Schweizer Mäzens Paul Sacher entstand und 1945 in Basel uraufgeführt wurde.
Martin hat Rilkes berühmte, in einer Nacht zu Papier gebrachte melancholische Erzählung über den Verlust von Heimat, Liebe und Vertrautheit eines Soldaten in der Fremde explizit einer Frauenstimme zugedacht – und damit die männliche Perspektive gebrochen, Rilkes Text über den historischen Fahnenträger, der in den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts einen sinnlosen Heldentod starb, in die Erinnerungen, Projektionen und Fantasien einer weiblichen Seele, einer Geliebten oder Mutter, transferiert.
Es ist Ute Haferburgs letzte große Produktion als Intendantin ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Reinmar Wagner
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Er ist ein Bauchmensch und Hasardeur. Ein Maestro, der Live-Luft braucht, um seine Fähigkeiten zu entfalten. Aber auch ein machtbewusster Impresario, der aus seiner Sympathie für den starken Mann im post-sowjetischen Russland kein Hehl macht. Seit 1988 befehligt Valery Gergiev das Mariinsky Theater in Sankt Petersburg. 2015 wurde er Chefdirigent der Münchner...
