Frühling auf französisch
Aufgrund welcher Verkettungen und Missionen die «Decca» – opernaktiv sonst nur im Bereich Alter Musik und für Cecilia Bartoli – bei «L’Aiglon» sogar ein Label-Debüt von Operndirigent Kent Nagano arrangierte, gibt Rätsel auf. Man könnte es als Naganos Operetten-Debüt betrachten: «L’Aiglon», komponiert 1937 als Gemeinschaftsarbeit von Arthur Honegger und Jacques Ibert, ähnelt durchaus historisch ausgeschmückten Operetten à la «Madame Pompadour» oder «Die Dubarry» – hier mit obligatem Tanzgastspiel von Fanny Elssler.
Hinter dem jungen Adler (Aiglon) verbirgt sich der juvenile Napoléon II., also Napoleon Franz Bonaparte, legitimer Thronfolger aus der zweiten Ehe des Imperators mit Marie-Louise von Österreich. Den Herzog von Reichstadt porträtierte schon das zugrundeliegende, höchst erfolgreiche Drama von Edmond Rostand, das es nach der Premiere (1900, mit Sarah Bernhardt in der männlichen Titelrolle) bis an den Broadway schaffte. In Frankreich erinnern sich die Theater immer noch gelegentlich daran.
Die Vertonung des Stoffs kann als weitgehend vergessen gelten. Ein «Großer Querschnitt» auf Vinyl (von 1956) lässt sich kaum noch verifizieren. Über die Art ihrer Zusammenarbeit replizierten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: CD des Monats, Seite 29
von Kai Luehrs-Kaiser
Um 1910 begeisterten sich viele italienische Autoren fürs Dekadente. Der im Schatten D’Annunzios dichtende Sem Benelli machte mit dem 1909 uraufgeführten Stück «La cena delle beffe» Furore. Bühnenstars wie Edvige Reinach und Sarah Bernhardt fingen Feuer an dem grellen Versdrama über bestialischen Sozialdarwinismus: Im Florenz der Jahre um 1480 – eine Generation...
Für Musik vor 1800 ist «historisch informierte» Aufführungspraxis längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Mozart-Rezitative vom Konzertflügel begleitet, Händel-Streicher mit sattem Dauer-Vibrato, Bach-Cembalokonzerte auf dem Steinway: undenkbar.
Dabei scheinen der Annäherung an die Vergangenheit im Detail keine Grenzen gesetzt. Wo die einen auf bestimmten...
Als der Krebs ihn immer heftiger beherrschte, schrieb Claude Debussy: «Ich war dabei – oder fast dabei – ‹La Chute de la Maison Usher› zu vollenden: Die Krankheit hat meine Hoffnung ausgelöscht […] Ich finde mich schwer mit dieser Wendung meines Schicksals ab.» Auf der anderen Seite meinte er aber auch, diese Oper sei nur eine «Neuauflage des ‹Pelléas›» – mit einer...
