Gottesferne
An der Längswand des von Alban Ho Van auf die Bühne der Oper zu Lyon gebauten modern-zeitlosen Refektoriums steht das Motto «Nous avons cru à l’amour de Dieu pour nous» («Wir haben an die Liebe Gottes zu uns geglaubt»): ein Satz wie in Asche liegend, zugleich ein verborgen glühender Text. Er nimmt das Sterben der Alten Priorin vorweg, ihr entsetztes «Dieu nous délaisse, Dieu nous renonce» («Gott gibt uns auf, sagt sich von uns los»).
Die Operngeschichte kennt kaum Erschreckenderes als jene Szene, in der tiefe Zweifel an einen vermeintlich grausamen, selbstgefälligen, lebensfernen, freudlosen Gott offenbar werden und die Trunkenheit an der Religion offener Rebellion weicht. Sylvie Brunet spielt und singt das grandios, macht die Szene zum Höhepunkt der Aufführung in der Inszenierung von Christophe Honoré – der ersten Opernregie dieses Autors und Filmemachers. Die explizite Religionskritik des Regisseurs manifestiert sich nicht zuletzt dadurch, dass das Motto gegen Ende zu «Nous avons l’amour pour nous» verkürzt wird. Was uns bleibt, sind wir selbst.
Ohnehin hat Poulencs Katholizismus Beichtväter vermutlich erröten lassen. Zur geliebten Schwarzen Muttergottes von Rocamadour pilgerte ...
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Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Gerhard Persché
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Die sechs Essays, die Friedrich Dieckmann unter dem Titel «Das Liebesverbot und die Revolution» im Insel Verlag gebündelt hat, sind nicht neu und wurden zwischen 1993 und 2011 erstmals veröffentlicht. Ihren Wert mindert das nicht. Dieckmann ist als Kulturhistoriker ein Essayist im emphatischen Sinn des Wortes: Anschaulich, detailgesättigt, trotzdem skrupulös...
Der 150. Geburtstag Claude Debussys im vergangenen Jahr hat seiner einzigen vollendeten Oper «Pelléas et Mélisande» wieder verstärkte Aufmerksamkeit verschafft. Zum Zeitpunkt der Uraufführung (1902) war sie ein revolutionäres Werk, das sich mit Konsequenz aus den damals in Paris dominierenden Trends des Wagnerisme und eines Realismus à la «Louise» zu befreien...
