Reisen ins Innere
Einmal im Kreis laufen kann eine Reise zu einem fernen Ort bedeuten, ein kurzes Kopfnicken das Ende eines langen Schlafes anzeigen. Das chinesische Theater hat Bewegungen und Gebärden wie diese über Generationen entwickelt und bewahrt. Bertolt Brecht hat es bewundert. Oder präziser: Weniger die Techniken der Beibehaltung als jene der Veränderung des Ausdruckskanons interessierten ihn. Das Faszinosum war die Unbedingtheit, das Alte zu können und es zugleich «mit Aplomb» fallen zu lassen, um ästhetisch Aufruhr zu erregen.
Wenn also Wu Hsing-Kuo im Berliner Haus der Kulturen der Welt seine Maske und den mächtigen Umhängebart abnimmt, wenn er das Herrscherkleid abstreift, dann ist das so ein Moment, der mit der Konvention bricht. Er, der gerade noch «King Lear» gewesen ist, fragt plötzlich: Wer bin ich?
Europäer sollten von dem Regelwerk des chinesischen Musiktheaters zumindest wissen. Andernfalls bleiben sie halb blind für dessen Imaginationen und halb taub für die absichtsvollen Frakturen der Tradition. Wu Hsing-Kuo erleichtert den Zugang, indem er das hiesige Publikum im eigenen Kulturerbe abholt. Denn nicht zu übersehen ist, dass der Theaterleiter aus Taipeh vertrauten Umgang mit ...
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Im vergangenen September, angesichts von Peter Konwitschnys szenischer Interpretation des «Eugen Onegin» in Bratislava, hatte ein aus Wien angereister Zuschauer neben mir noch gegreint: «Jetzt kann man hier auch nicht mehr hinfahren.» Sollte der Mann dennoch einen weiteren Versuch gewagt haben, etwa zur «Turandot», dürfte Joszef Bednáriks Inszenierung ihm ein...
«Orlando» wurde am 20. August 1720 im Privattheater des Prinzen von Torella in Neapel uraufgeführt. Das Besondere an dieser Premiere: Die Titelpartie sang ein damals noch unbekannter Sänger, der später als Farinelli Weltruhm erlangen sollte. Er war Schüler des Komponisten Nicola Porpora. Dieser war damals vierunddreißig Jahre jung und hatte bereits sieben Opern...
Im Fall der traditionellen chinesischen Oper (xiqu) lässt sich von einem Gesamtkunstwerk der performativen Künste sprechen. Schamanistische Praktiken, Tänze, Jahrtausende alte Ringkämpfe und Hochstemmwettbewerbe, Schwertschlucker und Zauberer aus dem Römischen Reich, die über die Seidenstraße ins «Reich der Mitte» gereist waren, oder Bambusstamm-Equilibristen aus...
