Spiel mir das Lied vom Liebestod
Schon der italienische Musikkritiker Abramo Basevi hat in seiner 1859 erschienenen, noch immer lesenswerten Verdi-Monografie die Sonderstellung der 1853 uraufgeführten «Traviata» betont.
Für Basevi, der in seiner Jugend als Komponist zweier erfolgloser Opern hervortrat, später die Instrumentalmusik der deutschen Klassik propagierte und zu den Vorkämpfern Wagners in Italien gehörte, bedeutete «La traviata» einen Wendepunkt in Verdis Schaffen: Verdi sei der Erste gewesen, der in Italien im Melodramma, der tragischen Oper, die Emotionen von Figuren aus der modernen, prosaischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht habe. Im Lauf von anderthalb Jahrhunderten ist aus dieser ja nicht gänzlich falschen Überlegung, nicht zuletzt durch Carl Dahlhaus’ einflussreiches Buch über den Realismus in der Musik des 19. Jahrhunderts, die irrige Meinung entstanden, Verdi habe mit «La traviata», Jahrzehnte vor Bizets «Carmen», Mussorgskys «Boris Godunow» und den Veristen, den Prototyp des realistischen Musiktheaters erfunden – als führe die Situierung einer Bühnenhandlung in der Gegenwart zwangsläufig auch zu einem Realismus in Ästhetik und Ausdruck.
Verdis Gründe, gerade diesen zeitgenössischen Stoff zu ...
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