Vermintes Terrain
In der Musik das Leben der Tschechen!» Bedřich Smetanas Motto markiert schlaglichthaft die Verbindung von Nation und Tonkunst. So schön dies auch klingen mag, so unvermeidlich führt die Formel auch auf vermintes Terrain: das der «Völkerpsychologie» – fatal, weil hier Halbfalsches und Halbwahres ineinandergreifen, wobei gerade Letzteres oft sogar gefährlicher ist. Erst im 19. Jahrhundert wurden Nationen mit unverlierbaren Eigenschaften, sprich Vorurteilen assoziiert. Der und das «Deutsche» sollten fundamentale Identifikation stiften, als Abgrenzung vom «Anderen».
Ausgerechnet in der menschheitsverbindenden Musik florierten die gegensätzlichen Zuordnungen. Italien, Frankreich, Russland avancierten zu «Musiknationen», komplex kodiert durch Institutionen der Hochkultur, prägende Komponisten und vitale Folklorepflege. Die Mischung, auch Eigenständigkeit, sah von Land zu Land anders aus. Holland und England etwa galten nicht unbedingt als Dorado autochthoner Komponisten.
Ähnliches kann man von der Schweiz sagen. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig: Es fehlten feudale Residenzen, höfische Kunstrivalität, auch der zentralistische Sog einer mächtigen Hauptstadt sowie eine einheitlich ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Gerhard R. Koch
Beim Schlendern durch Genuas Gassen stößt man irgendwann auf eine Gedenktafel, die besagt, dass in diesem Haus der französische Dichter Paul Valéry 1892 ein nächtliches Gewitter von apokalyptischem Ausmaß erlebte, welches ihn kathartisch veränderte, als Lyriker verstummen ließ. In «Die Nacht von Genua» hat er die Identitätskrise thematisiert: «Überall Gewitter....
«Ins Feld! Ins Feld! / Zur Schlacht! / Zum Sieg! Zum Sieg! / In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!» Der missverständliche und in der Tat ja nicht erst von den Nazis missbrauchte Schluss war schon für Ingeborg Bachmann ein Problem, als sie 1958/59 für Hans Werner Henze Kleists Schauspiel «Der Prinz von Homburg» als Operntext einrichtete. Bewusst implantierte sie...
Schmutzige, düstere Schäbigkeit, ein aufgegebenes Hochhaus bietet den Opfern der Geschichte und der zerstörten Natur Unterschlupf. Die Stadt Babylon wurde zerstört, nie wieder soll sie erbaut werden – so zitiert ein «Skorpionmensch», ein Cyborg mit metallenem Stachel, alttestamentarische Propheten zu Beginn der Oper «Babylon» von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk....
