Aus dem Glutkern der Songs
Ich besuche Kirill Serebrennikov Anfang August 2017 in Kronstadt. Im ehemaligen Kulturhaus der Baltischen Flotte dreht der Regisseur Sequenzen seines neuen Films.
Weniger ihm als seiner engsten Mitarbeiterin steht der Stress der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben, auch die Stinkefinger-Brosche an ihrem Kleid kann darüber nicht hinwegtäuschen: Als der Regisseur eine propagandistische Zusammenarbeit mit dem System ablehnte, hatte man zunächst versucht, sein Theater, das heute schon legendäre Gogol-Zentrum, finanziell auszutrocknen, was an der Treue des Publikums und am Engagement von Mäzenen scheiterte. Daraufhin legte man ihm – ebenso erfolglos – nahe, von der Theaterleitung zurückzutreten. Im Mai war mit einer Serie von Hausdurchsuchungen die nächste Eskalationsstufe erreicht, im Rahmen sogenannter Ermittlungen, die die Geschäftsführung des von Serebrennikov vollumfänglich und höchst erfolgreich realisierten Platforma-Projekts zur Popularisierung zeitgenössischer Kunst ins Visier nahmen. Es war klar, dass man den Sack schlägt, um sich zum Esel vorzuarbeiten.
Wenige Tage nachdem ich mich von Kirill verabschiedet habe, belastet ihn eine Buchhalterin, die entsprechend unter ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Sergio Morabito
In seinen 1981 erschienenen «Versuchen über die Oper» widmete Hans Mayer, mit Blick auf Mozarts «Così», einige Absätze auch jenem Roman, der weiland zu den meistdiskutierten zählte: Wilhelm Heinses «Ardinghello und die glücklichen Inseln» von 1787 bildete, als deutsches Gegenstück zu Choderlos de Laclos’ fünf Jahre zuvor publizierten «Liaisons dangereures», die...
Musik wie hinter einem Schleier, erkennbar und fremd, tieftraurig und schwelgerisch schön. Oboen setzen mit einer Klagebewegung ein, der Chor öffnet in sanfter Wiegenbewegung den Klangraum nach oben: «Zu dir in Demut eil’ ich, mach du mich fromm und rein.» Der Sohn ist tot. Ein Hoffnungsträger wurde geschlachtet. Golgatha ist nah, Bachs «Matthäus-Passion» auch....
Glücklich das Haus, das ein solches Stück mit eigenen Kräften besetzen kann; unglücklich jedoch, wenn es ein Regieteam engagiert, das diesen Kräften durchweg misstraut. Pantomimische und tänzerische Duplikate sind mittlerweile fast schon zur Regel geworden, auch haben wir uns längst an Simultanhandlungen auf der Leinwand gewöhnt, die entweder das Bühnengeschehen...
