Belcanto im Stadttheater
Lucrezia hat keine Chance: Blutschande mit Vater und Brüdern, der Gifttod, den ihre Hand so gern und oft gereicht haben soll – sie ist gerichtet von zahllosen Geschichtsschreibern. Und wenn auch aus Historikersicht wohl an all dem nichts dran ist, so lebt das Ungeheuer Lucrezia Borgia doch fort in unseren Köpfen, kolportiert auch von Victor Hugos Schauspiel und Gaetano Donizettis Oper nach dieser Vorlage.
Diese Opern-Borgia hat alles, was ein starkes Stück Musiktheater braucht: großartige Wechsel zwischen poetischer Gefühligkeit der Mutterliebe und Rachsucht, prächtige Ensembles (etwa der erste Aktschluss) und zwei raumgreifende Szenen für die Protagonistin. Dass das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überaus populäre Werke heute nur noch selten auf den Spielplänen anzutreffen ist, könnte neben der allfälligen Belcanto-Unlust vieler Regisseure auch und vielleicht vor allem an Besetzungsproblemen liegen: Naturgemäß rar sind Belcanto-Tenöre für die Partie des Gennaro, den verloren geglaubten Sohn der Borgia, der ahnungslos seiner Mutter frevelt und in ihren Armen stirbt. In Bassbariton-Lage singt der Herzog von Ferrara, dritter Ehemann der Borgia, und auch hier werden außer einer ...
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