Die künstliche Mutter
Diesem Gott darf man nicht trauen: Keine Heilsgestalt, sondern heimtückischer Anführer einer Sex-Sekte ist der Dionysos, der im bedrückten Theben auftaucht. Und der verheißungsvoll morgendämmernde Schluss von Hans Werner Henzes «Bassariden», seinem wohl bedeutendsten Bühnenwerk, markiert nichts anderes als den Wechsel von politischer Instabilität zur Grabesruhe einer Glaubensdiktatur. So sieht es zumindest Tilman Knabe, der mit der 1966 uraufgeführten Euripides-Oper an der Staatsoper Hannover für einen umstrittenen Saisonstart sorgt.
Dergleichen Testbohrungen nach tiefer gelegenen Sinnschichten sind natürlich erlaubt, und die verärgerten Buhrufer in der Premiere dürften sich weit weniger an dieser Umdeutung und der Verlagerung des Geschehens in die sechziger Jahre gestört haben als vielmehr an den Kopulationsorgien in Feinripp, zu denen der neue Sex-Guru das Volk animiert. Dieses folgt dem Aufruf zur Sünde ausgiebig. In der Zwischenzeit nimmt sich Dionysos den Thebanerkönig Pentheus vor, nachdem er ihn mit einem langen Kuss davon überzeugt hat, endlich einmal seine weibliche Seite auszuleben. Der König wird zur Drag Queen, die Bassariden mutieren zum tragischen Coming-Out-Drama ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Musik ist alles, was nicht nur Gymnastik ist.» Das Bonmot des Wiener Komponisten und Pianisten Otto M. Zykan mag zunächst nur flapsig klingen, verweist aber auf einen Definitionsnotstand. Denn schon darüber, was überhaupt «Musik» sei, gibt es erhebliche Meinungsdiskrepanzen. Zwischen Mahlers «Sinfonie der Tausend» und John Cages stummem Dreisätzer «4.33» liegen in...
Schon während der Orchestereinleitung, noch bevor Tatjana das erste Mal den Mund öffnet, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, dass das, was er in den folgenden drei Stunden zu sehen bekommen wird, nicht viel mit der Geschichte zu tun hat, die Puschkin in seinem realistisch-satirischen «Roman in Versen» erzählt und die von Tschaikowsky in wissentlichem...
Was wäre, gälte Schopenhauers Wort? Was also wäre, würde sich das Wesen einer Gesellschaft durch Musik ausdrücken lassen? Nähme man Aribert Reimanns «Lear»-Partitur zum Maßstab und setzte die Entstehungszeit in eins mit der Jetztzeit, es stünde gewiss nicht eben gut um die menschlichen Belange. Kaum eine Oper nach 1945 trägt so sehr die Züge des Apokalyptischen wie...
