Bloß keine Schicksalswolken
Manon Lescaut», uraufgeführt 1893 wenige Tage vor Verdis «Falstaff», zeigt Puccini auf dem Weg zu sich selbst. Ein junger, selbstbewusster und erfolgsgeiler Komponist führt vor, was er kann. Ganz nebenbei vernichtet er – zumindest verbal – die Konkurrenz. Massenets neun Jahre zuvor erstmals gespielte «Manon» sei, so höhnte Puccini, ein Stück aus Puder und Menuett. Er wolle das Thema auf italienische Weise angehen, nämlich «con passione disperata».
Das hat er dann auch getan, freilich noch nicht mit jener Präzision von Stimmungsvaleurs und psychologischer Feinzeichnung, die ihm schon kurz darauf bei «La Bohème» zu Gebote stand. Überhaupt ist der Vergleich verblüffend. Wer den ersten Akt von «Manon Lescaut» hört, kennt automatisch auch den zweiten Akt von «La Bohème» – und umgekehrt. Viel Chor zwischen Deklamation und melodischer Umarmung. Heiteres Volkstreiben als Folie für einen sich anbahnenden privaten Konflikt. Die klingenden Gesten sind exakt dieselben. Die Tempokontraste, die instrumentalen Pointen. Nur dass im früheren Stück alles unschärfer bleibt, den Interpreten überlassen. Man könnte auch sagen: In der «Bohème» schreibt Puccini dasselbe Stück noch einmal, aber genauer. ...
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Opernwelt Juni 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Stephan Mösch
Nichts ist vorgegeben in diesen Werken. Nirgends richten sie sich ein. Sie kennen nur eines: die Suche nach den Ursprüngen, dem Grund, den Atomen von Sprache und Klang. In vielen Arbeiten Sergej Newskis (*1972) steht die menschliche Stimme im Zentrum dieser Suche. «Autland» etwa, ein siebenteiliges «Musiktheater für sechs Solisten und Kammerensemble» (2009/2012),...
Wer die Schönheit lobt, macht sich verdächtig. Gilt bestenfalls als naiv. Unkritisch und verantwortungslos, denkfaul, bequem und opportunistisch: eine Liste von Eigenschaften, mühelos zu verlängern und besonders leicht zu belegen am Beispiel des ästhetizistischen Egomanen Richard Strauss’, der selbst die Kumpanei mit Diktatoren nicht scheute, wenn sie dem eigenen...
Man könnte sich die Haare raufen: 1979 wurde in einem Auktionskatalog ein Albumblatt Verdis reproduziert, ohne dass dies irgendeinem Verdi-Forscher aufgefallen wäre – bis heute. So fehlt die Miniatur aus dem Jahr 1877 in allen Werkkatalogen, auch in dem 2013 erschienenen «Verdi Handbuch» – ein Grund mehr, es sich wenigstens nach dem Verdi-Jahr genauer anzuschauen.
D...
