«Zur Besinnung kommen»
Die Entstehungsgeschichten von «Krieg und Frieden» als Roman und als Oper weisen verblüffende Parallelen auf. Als Tolstoi begann, schwebte ihm eine Familienchronik mit Happy End vor. Die Dynamik jener historischen Periode, in der er das Geschehen ansiedeln wollte, führte aber zur allmählichen Weitung der Perspektive aufs große Ganze: Napoleons Russlandfeldzug, der nationale Abwehrkampf, seine Katastrophen und Umwälzungen, Niederlage und Rückzug der Franzosen, samt allen historischen und militärischen Faktoren, die zu diesem Geschehen beitrugen.
Nicht anders Prokofjew: Er hatte eigentlich im Sinn, den Roman auf den Kern der «privaten» Handlung zuzuspitzen – eine Liebesgeschichte als Abfolge «lyrischer Szenen» im Sinne Tschaikowskys. Hier war es der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941, der alle Pläne umwarf. Die Parallele der Kriegshandlungen drängte sich auf; Stalin verlangte patriotische Ansprachen und Chöre, die Prokofjew nach und nach in das Werk einführte – was die ohnehin beträchtlichen dramaturgischen Probleme dieses gigantischen Opernromans potenzierte. Vollständig kam das Stück erst nach Prokofjews (und Stalins) Tod auf die Bühne. In beiden Fällen war es, als hätten ...
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Opernwelt November 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Ingo Dorfmüller
Am 18. Februar 2012 wird es zehn Jahre her sein, dass sich auf der Bühne der Met eine «Audrey Hepburn mit Stimme» vorstellte: die damals 31-jährige Anna Netrebko in der Rolle der Natascha in Sergej Prokofjews «Krieg und Frieden». Zur Vorfeier dieses «Jubiläums» präsentiert sich die schöne Russin, inzwischen unter den Berühmten die Berühmteste, mit einem Album «Live...
Am 2. April 2011 wäre der Schweizer Musikwissenschaftler und Publizist Theo Hirsbrunner achtzig Jahre alt geworden. Er starb wenige Monate vorher. Seit seiner Studienzeit, als von vernetztem Denken und «Kulturtransfer» noch nicht die Rede war, beschäftigte er sich mit neuer und neuester französischer Musik, aber auch mit Richard Wagner, Janácek und vielen anderen....
«Robert ist unvergänglich», – so urteilte 1841 kein anderer als Richard Wagner über Giacomo Meyerbeers damals gerade zehn Jahre alte Oper, und er stand mit dieser Meinung keineswegs allein. Mit «Robert le Diable» und den wenig später (1836) entstandenen «Huguenots» habe Meyerbeer der Oper das Fenster zu neuen ästhetischen Horizonten geöffnet, habe sie befähigt, die...
