Verspielt
Im Musiktheater unserer Tage wird gern die kritische Philosophie als Stichwortgeber bemüht. Von Adorno bis zu Peter Sloterdijk und von Horkheimer bis zu Giorgio Agamben reicht die Palette der Vordenker, deren Analysen zum schlechten Stand der Welt die (im Programmheft mitgelieferte) Folie für manche Regiearbeit bilden, die eine radikale Neubefragung, wenn nicht eine Neuerfindung des alten Stückekanons anstrebt.
Im Fall der jüngsten Deutung von Charles Gounods «Faust»-Oper, die aus diesem zwischen Opéra comique, Grand Opéra und Drame lyrique changierenden «Werk des Übergangs» (Ulrich Schreiber) an der Berliner Staatsoper eine in grelles Kaltlicht getauchte Glücksspiel-Parabel herauslesen will, muss Walter Benjamin herhalten. Die Kultur des Kapitalismus ist ein in sich kreisender Kult um den Konsum, eine profane Religion, die den Menschen Vereinzelung und Verzweiflung beschert: Ein Abschnitt aus Benjamins berühmtem Trauerspiel-Buch von 1928 bildet den geistigen Faden, an dem sich Karsten Wiegand entlanghangelt, um die in Goethe-Land nach wie vor unter Kitsch-Verdacht stehende Gretchen-Soap aus der Zeit des Second Empire mit den Realitäten unserer finanzkrisengeschüttelten Gegenwart ...
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In Zusammenhang mit Raritäten stellt sich häufig die Frage, ob ein Werk nicht vielleicht doch zu Recht unter den Teppich des Vergessens gekehrt wurde. Bei Francesco Bartolomeo Contis Tragicommedia in fünf Akten «Don Chisciotte in Sierra Morena» kann man dies klar verneinen. Die Produktion der «Musikwerkstatt Wien» im Semperdepot bringt eine vergnügliche Begegnung...
Auf Bildern ist Marisol Montalvo eine perfekte Lulu. Im Programmheft findet man die dunkelhäutige Schönheit: schlank, unbezähmbar, mit wild funkelnden Augen und irrem Lachen, überwältigt von Lust, ganz hingegeben an den Moment, kindlich und doch höchst gefährlich. Und denkt: Wer sonst als sie sollte die Lulu singen, dieses mythische Frauenwesen, diese...
Frau Polaski, am Ende von Janáceks Oper muss die Küsterin für den Mord an Jenufas Kind in den Knast. Finden Sie das eigentlich gerecht?
Die Frage ist doch, was schlimmer ist: weiterzuleben und sich mit dem auseinandersetzen zu müssen, was man getan hat, oder etwa die Todesstrafe, die ja auch denkbar wäre. Ich bin mir da nicht sicher, was ich selbst wählen würde....
