Aus der vokalen Linie
Das Arien-Album an sich ist im 21. Jahrhundert eine antiquierte Angelegenheit. Hinzu kommt, dass es Gefahren birgt. Ohne den szenischen Zusammenhang, das nicht mehr in dramatischem Kontext verankerte Solo drohen unter Studiobedingungen die Verstärkung vokaler Eigenarten und ein pauschaler Zugriff auf musikalische Affekte. Das wäre – ebenso pauschal – das Resümee, zu dem man bei Anna Netrebkos «Verismo»-Veröffentlichung kommen könnte. Was nicht dem ganzen Bild entspricht.
Die Russin hat die Anthologie veristischen Opern gewidmet; obwohl streng genommen Komponisten wie Arrigo Boito und Amilcare Ponchielli nicht dazugehören, allenfalls als Antizipierende gelten können; auch Giacomo Puccinis Werk, das hier den Hauptanteil einnimmt, hat mit dem literarischen italienischen Verismo wenig gemein. Sich darauf beziehende Opern sind durch bestimmte stilistische Merkmale der Wirklichkeitsdarstellung geprägt, in denen Gefühlsausschläge durch Stoffe und Motive (Gewalt, Sexus, seelische Grausamkeit, Sadismus etc.) ins Extrem getrieben werden. Das verführt Sänger (mehr als Sängerinnen) zu vokalen Untugenden, Überzeichnungen wie Schluchzern und Seufzern. Diese Falle umgeht Netrebko, obwohl sie sich ...
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Opernwelt November 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 35
von Götz Thieme
Darmstadts Intendant Karsten Wiegand hatte unlängst zwei große künstlerische Erfolge mit Luigi Nonos «Prometeo» und Georg Friedrich Haas’ «Koma». Unerschrocken arbeitet er daran, die Tradition der «Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik» im Theater weiterzutragen. So ließ er die neue Spielzeit mit zwei aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Mini-Opern unter dem...
Frau Foster-Jenkins … darf ich Sie Florence nennen?
Nein. Sie dürfen mich Frau Foster-Jenkins nennen.
Darf ich Sie was Persönliches fragen?
Bitte.
Wie fühlt es sich an, als die mieseste Sängerin aller Zeiten zu gelten?
Das kann ich Ihnen schwerlich beantworten. Damit sollten Sie sich an jemanden wenden, der dieses Problem schon mal hatte.
Gut, lassen Sie es mich...
Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war keine musikalische Gattung für die musikalische Identität einer Nationalkultur wichtiger als das Lied. Dies gilt auch für das seit der Hanse mit der deutschsprachigen Kultur eng verwobene Baltikum. Mit den poetischen Inhalten und der kleinen Form war es weitaus leichter, einen größeren Kreis zu erreichen als etwa mit...
