Polystilistische Dekadenz

Maderna: Satyricon Luzern / Theater

Opernwelt - Logo

Mit der Darmstädter Avantgarde assoziiert man alles Mögliche, von Serialismus bis Elfenbeinturm, aber nicht unbedingt Musiktheater. Das Luzerner Theater hat jetzt etwas Archäologie der späten Moderne betrieben und dabei mit Bruno Madernas Einakter «Satyricon» eine kleine Kostbarkeit ausgegraben. Das 1971 entstandene und 1973, im Todesjahr des Komponisten, uraufgeführte Stück erweist sich heute, da manche Politiker von spätrömischer Dekadenz sprechen und dabei auf andere zeigen, wieder unerwartet aktuell.

Das von Maderna und dem Uraufführungsregisseur Ian Strasfogel verfasste mehrsprachige Libretto basiert auf dem «Gastmahl des Trimalchio», einer Szene aus dem episodenhaften Roman «Satyricon» von Titus Petronius, bei dem sich auch Fellini für seinen gleichnamigen Film bediente. Der römische Autor protokolliert darin den Sittenzerfall zu Kaiser ­Neros Zeiten mit kühler Distanz.

Maderna, einst geigendes Wunderkind, später Kenner des venezianischen Cinquecento, hochgeachteter Lehrer und Dirigent der Nachkriegsmoderne, zeigt sich in «Satyricon» als völlig undogmatischer Komponist. Schöne Melodiefragmente verschmäht er nicht, seine facettenreiche Musiksprache versetzt er – oft mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2013
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Max Nyffeler

Weitere Beiträge
Macht, was Ihr wollt!

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das erste Opernhaus unter der modischen Überschrift «Elektra I & II», die Richard-Strauss-Oper mit Manfred Trojahns «Orest» als Fortsetzung koppelt. Das Atriden-Double nähme es in Sachen Sex (eher weniger) und Crime (dafür umso mehr) durchaus mit Wagners «Götterdämmerung» auf, wäre aber dennoch deutlich kürzer.

Die Sache...

Die Frauen gehen in Führung

Eine italienische Villa, halb alt, halb neu. Ein Maskenball, bei dem sich nur die Hälfte der Gäste à la Watteau verkleidet hat. So wie auch dessen Gemälde in der Halle unvollendet ist und die Gastgeberin sich ausgerechnet das Pierrotkleid von dessen «Gilles» ausgesucht hat, der sonst melancholisch im Louvre trauert.

Michael Haneke, Europas gegenwärtig berühmtester...

Wille zur Stilisierung

Treppenhaus und Diele im gediegenen Landhausstil. Barockmöbel, an den Wänden Ahnenbilder (darunter Heinrich VIII.). Doch das intakte Dekor täuscht, denn Enrico, der in diesem Ambiente herrscht, gleicht weniger einem englischen Monarchen als einem kalifornischen Gouverneur. Den muskulösen Körper im gut sitzenden Anzug, eine Zigarette nach der anderen qualmend,...