Editorial
Es sei ja schön, dass der neue Papst Klavier spielen könne, sagte Karlheinz Stock-hausen kürzlich in einem Interview. Noch schöner wäre es freilich, wenn Benedikt XVI. «Fortschritte machen und auch meine Klavierstücke spielen würde, anstatt nur Bach und Beethoven». Das ist weniger preziös, als es klingt. Stockhausen ist ein Papst der klingenden Moderne und zugleich ein Komponist jenes messianischen Künstleranspruchs, den das 19. Jahrhundert prägte. Er mahnte völlig zu Recht zeitgemäße Sakralmusik an, die sich nicht an der Avantgarde vorbeimogelt.
Und die großen Zusammenhänge zwischen Gott, der Welt und ihren Heiligen, zwischen Zeit und Raum und Klang hatte er sowieso schon immer im Blick. Oder besser: im Ohr. Mehr als ein Vierteljahrhundert arbeitete er an seinem neunundzwanzig Stunden dauernden «Licht»-Zyklus: ein Lebensabschnittswerk, das bei zahlreichen Teilaufführungen mal mit Schmäh, mal mit Schmeichelei aufgenommen, aber noch nie als Ganzes gespielt wurde. Eine Kosmologie als ultimative Herausforderung für die Institution Musiktheater? Ein Riese, der uns noch alle das Fürchten lehrt, wenn er erst einmal wachgeküsst wird? Oder doch nur das ins Gigantische gepäppelte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Anna Netrebko ist ganz genau, wenn es um die große Arie der Traviata geht. Sechzehntelpausen des «Ah fors‘è lui» dort, wo sie stehen, die Legatobögen, Akzente und dynamischen Stufen ebenfalls. Keine «Interpretation» versucht diese Aufnahme, sondern eine schlichte Ausführung des Notentextes. Maria Callas war da, ein halbes Jahrhundert vorher, freizügiger. Was sie...
Ohne Umschweife: In Sachen «Così fan tutte» liegt Dortmund derzeit klar vor Gelsenkirchen. Einmal mehr zeigt sich, dass modisch modernes Ambiente (Verena Hemmerleins Tennisplatz in Gelsenkirchen) keineswegs genügt, solange es inszenatorisch nicht gefüllt wird. Regisseur Andreas Baesler lässt den Chor in Ponnelle-Manier über die Bühne wuseln (in Dortmund wird aus...
Das Berner Stadttheater zeigt nicht nur mehrere, sondern auch diametral entgegengesetzte Gesichter. Nach der an Peinlichkeiten reichen Produktion von Catalanis «La Wally» (OW 4/2005) in der Regie von Renata Scotto nun also Peter Eötvös’ Tschechow-Oper «Tri sestri» in einer schlichten, aber überaus luziden, eindrucksvollen Inszenierung.
Dass man mit diesem Werk ein...
