... Lied und Oper
Herr Hampson, singt ein prononcierter Liedsänger wie Sie Opern anders?
Mag sein. Wahr ist, dass ich vom Liedgesang viel gelernt habe, zum Beispiel musikalische Ruhe und Ausgeglichenheit herzustellen, ebenso Innerlichkeit, auch das Ausspinnen eines Erzählfadens. Ich bin übrigens auch ein Verteidiger von Dietrich Fischer-Dieskau. Wir sollten nicht so obergescheit sein und auf ihn herabblicken.
Inwiefern?
Fischer-Dieskau war gewiss in den letzten Jahren seiner Karriere hauptsächlich als Liedersänger tätig.
Wenn man aber seine Blütezeit betrachtet, mit Falstaff, Mandryka, Macbeth und Doktor Faustus, müssen wir zugeben: ein Wunder! Auch von der angeblich so manierierten Elisabeth Schwarzkopf können wir noch viel lernen. Diese Sänger haben durchaus nicht zur «Sprecherei» geneigt, wie sie mich heute beim Liedgesang oft abschreckt. Sie kamen von der Oper her und waren von daher gegen den heute leider üblichen Sprechgesang gefeit.
Kann der Liedgesang in Ihren Augen von der Oper profitieren?
Unbedingt. Etliche der heutigen Liedersänger wären für die Opernbühne völlig ungeeignet. Die Stimme vibriert nicht. Sie trägt nicht. Ist zu eng. Bitte verlangen Sie jetzt keine Namen von mir. Die Oper nützt ...
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Opernwelt Juni 2012
Rubrik: Apropos, Seite 71
von Kai Luehrs-Kaiser, Interview, Hampson
In diesem Jahr jährt sich der napoleonische Krieg in Russland zum zweihundertsten Mal. Prokofjews Oper «Krieg und Frieden» (nach Tolstois Roman), die diese Zeit feiert, ist allerdings ein Monster, kaum aufführbar. Sie beinhaltet viel Siegespathos, das heute inakzeptabel wirkt. Für einen Abend ist das Stück außerdem zu lang. Allerdings können Striche manches retten.
...
Bei den Bayreuther Festspielen hat Christoph Schlingensief 2004 die Optik revolutioniert. Weil er sich nicht bemühte, den «Parsifal» irgendwie neu oder originell zu deuten. Weil er auf alle herme-neutischen Umarmungen des «Bühnenweihfestspiels» pfiff. Weil seine Bühnenräume zum großen und entscheidenden Teil virtuell waren. Weil er nicht eine vorgegebene Geschichte...
Frau Dessay, auf YouTube berichten Sie über die Stimmband-Operationen, die Sie in den Jahren 2002 und 2004 über sich ergehen lassen mussten. Warum war im Krankenhaus eine Kamera dabei?
Eine Freundin, die Filme macht, war zufällig in der Nähe, also rief ich sie an und sagte: «Komm doch vorbei!» Es war keine große Absicht dahinter. Die Sache ist die: Wenn ein Sänger...
