Sündenbock
Was für ein Schicksal im frühen 18. Jahrhundert: Der Jude Joseph Süß steigt als Finanzberater zum mächtigen Geheimrat am Hof des Herzogs von Württemberg auf – und wird nach dessen Tod Opfer eines von der Öffentlichkeit begeistert gefeierten Justizmordes. Kein Wunder, dass die historische Figur die Nachwelt zur Auseinandersetzung angeregt hat, vom Märchen-Erzähler Hauff über den Literaten Feuchtwanger und den Nazi-Filmer Harlan bis zum Komponisten Detlev Glanert, dessen 1999 uraufgeführte Oper in Trier nun ihre vierte Produktion erlebte.
Sie zeigt Süß im Gefängnis, kurz vor der Urteilsvollstreckung. Alptraumhaft tauchen Figuren aus seiner Vergangenheit aus, gruppieren sich zu einem Totentanz. Das Bühnenbild von Gerd Hoffmann und Arlette Schwanenberg erlaubt schnelle Wechsel zwischen der Gefängnisszene im «Keller» und dem Blick auf die Karrierestationen von Süß. Der obere Teil der Hebebühne ist mit einem Labyrinth aus hüfthohen Wänden ausgestattet, das sich in eine schiefe Ebene verwandelt, wenn die Verhältnisse umkippen. Die Akteure verlieren buchstäblich den Boden unter den Füßen.
Regisseur Sven Grützmacher, Ballettchef des Hauses, interessiert die Mechanik der Macht(verhältnisse) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Kahlenberg nennt sich der Aussichtshügel am Rande Wiens, vor dem die Donaumetropole sich hinstreckt wie ein bunt bestickter Teppich. Der Name lädt freilich auch zu einem ätzenden Wortspiel in Zusammenhang mit dem Alban-Berg-Jubiläum und den Wiener Festwochen 2010 ein. Denn Letztere feiern die 125. Wiederkehr des Geburtsjahrs dieses Komponisten mit einem ziemlich...
Als im Oktober letzten Jahres in Berlin der Musikästhetiker Heinz-Klaus Metzger starb, schien nicht wenigen eine Epoche zu Ende zu gehen – charakterisiert nicht zuletzt durch einen hoch entwickelten theoretisch-kritischen Diskurs in der Nachfolge des Hauptphilosophen der «Frankfurter Schule», Theodor W. Adorno. Metzger war der intellektuelle Protagonist der die...
Albrecht Thiemann Herr Meyer, wann sind Sie Mieczyslaw Weinberg zum ersten Mal begegnet?
Krzysztof Meyer Ich habe ihn im September 1966 in Warschau kennengelernt. Weinberg war damals mit seinem Freund Boris Tschaikowsky aus Moskau zum 10. Warschauer Herbst gekommen. Tichon Chrennikow, der damalige Generalsekretär des sowjetischen Komponistenverbandes, gehörte auch...
