Kühne Kontraste, scharfe Konturen
Welcher Intendant würde nicht gerne über die Gabe der Bilokation verfügen? Vorbildlich darin ist Serge Dorny. Omnipräsent und in bester Laune jagt er durch sein gläsern-schwarzes Opernhaus, von Talk zu Talk, von Interview zu Interview. Die Pressekonferenz in München, die sein Engagement ab 2021 bekannt gab, ist erst wenige Tage her. Fast könnte man über all dem vergessen, dass die wichtigste Personalie dieses Frühlingsfestivals an der Opera de Lyon eine ganz andere ist, weitgehend unsichtbar: Daniele Rustioni, 34 Jahre jung, der neue Chefdirigent des Hauses.
Auch Rustioni ist im Dauereinsatz. Er steht jeden Abend im Graben, setzt dazu Extraproben an, morgens um zehn. Dass das Opernfestival in diesem Jahr keinen politischen Leitgedanken hat, vielmehr schlicht «Festival Verdi» getauft wurde, geschah zur Feier seines Einstands. Das italienische Repertoire ist sein erklärtes Spezialgebiet, zumal mit seiner inspirierten Verdi-Lesart hat er sich in seiner kurzen, steilen Karriere, maßgeblich gefördert in Covent Garden von Antonio Pappano, einen Namen gemacht, von Turin über Zürich bis Sankt Petersburg. Zwei Hauptwerke in jeweils bis zu sechs Aufführungen stehen auf dem Festivalprogramm. ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Eleonore Büning
Gott ist abwesend, der Kampf ums Überleben diktiert den Stückverlauf. Die (Todes-)Angst vor Aids und das heikle Coming-out, auch innerhalb der Familien, heizen ihn an. Aus dem Alltag erwächst die Vision, am Ende fantasiert sich Prior Walter (er ist nicht Prior, er heißt so) einen Engel herbei, der seinerseits auf Prophetensuche ist. Doch Prior lehnt den Job ab. Er...
Der Meister war voll des (untergründig-ironisch getränkten) Lobes. «Was uns bei Bellini bezauberte», heißt es in einem Brief Richard Wagners an Cosima, nachdem er Wilhelmine Schröder-Devrient in «I Capuleti e i Montecchi» gehört hatte, «war die reine Melodie, der schlichte Adel und die Schönheit des Gesangs.» Besonders ein Stück des Belcantokönigs, mit dem er sich...
In einer theaterinternen Typologie werden Repertoireopern gern Etiketten aufgeklebt: «Fidelio» und «Freischütz» sind heute immer heikle «Interpretationsfälle», der «Ring» ein Prüfstein, die «Soldaten» eine Herausforderung, die «Lustige Witwe» etwas für die Kasse - und «Hänsel und Gretel» etwas für die ganze Familie. Zur letzten Kategorie gezählt wird häufig auch...
