Menschlich, allzu menschlich
Telramund sucht Elsa vor Lohengrin zu verstecken. Die beißt dem Intriganten dafür nach Kräften in die Hand. Vor dem großen Hochzeits-Event steigt die Truppe ins Dampfbad, werden vom Heerrufer in der Kluft des Stabsarztes Gewicht und Schädelumfang kontrolliert. Zuvor hatte der die darbende Menge aus der Gulaschkanone versorgt. Den Brabantern geht’s mies, und der Putz in Jens Kilians romanischem Kirchenschiff, das diesem Basler «Lohengrin» Rahmen und Überbau bietet, bröckelt nach all dem Kriegszwist gewaltig.
Verständlich, dass das Personal sich im Brautgemach eine Kissenschlacht liefert. Und noch ein Augenblick, beinahe versteckt: Als Ortrud Lohengrins Frageverbot hört, kann sie sich ein schadenfroh-trumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Es ist, als wolle sie sagen: Da pack’ ich Elsa, ich träufle ihr Misstrauen und Zweifel ein. Schon bei des Mädchens Traumerzählung hatte Ortrud sich halbtot gelacht. Elsa trägt anfangs eine Zwangsjacke – vermutlich, weil sie allzu inflationär von den merkwürdigen Wundertaten des fernen Rettungsritters zu fantasieren pflegt. Mit den überlangen Ärmeln ahmt sie den Flügelschlag eines Schwans nach. Das hatte zuvor schon ihr vermeintlich umgebrachter ...
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Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Heinz W. Koch
Regisseur Dietrich Hilsdorf gilt als Meister der atmosphärisch dichten Chortableaus. Keine Frage, die Bewegung größerer Personalmassen beherrscht er virtuos. Aber er läuft auch dann zu Hochform auf, wenn er auf Millimeterpapier Kammerspiele austüfteln kann. Beide Talente hat er nun in einem großen Wurf an der Kölner Oper am Dom vereint: 32 Jahre nach seinem Debüt...
Fast ein Jahrzehnt ist es nun her. Aus der Übersättigung mit Händel & Co., angerichtet meist als pikantes, hochkalorisches Menü, wurde eine Hungerkur: München zählte wieder zur Barock-Diaspora – auch weil mit Nikolaus Bachler an der Bayerischen Staatsoper ein Intendant ans Ruder kam, der dem Repertoire vor Mozart wenig abgewinnen kann. Dabei bieten sich Spielorte...
Zunächst sieht es so aus, als sei Anthony Pilavachis neueste Wagner-Inszenierung ganz und gar aus dem Dekorativen erwachsen; Tatjana Ivschinas Bühnenbild, ein feudaler großbürgerlicher Spätbiedermeier-Salon, fügt sich geradezu ideal in den Jugendstil-Rahmen des Lübecker Bühnenportals. Ein optischer Genuss. Dann aber bemerkt man, dass der Regisseur, ohne die...
