Im Furor bei sich

Nicht nur als Elektra und Salome: Nachruf auf die Sopranistin Inge Borkh

Opernwelt - Logo

Inge Borkh war die letzte Überlebende jener beeindruckenden Sopranistinnen-Riege, die zwischen 1950 und 1970 die Opernbühnen beherrschte. Wie keine zweite Sängerin, deren Kunst auf Tondokumenten festgehalten ist, war sie die Inkarnation von Strauss’ Elektra, einer Partie, die sie mehrere hundert Mal sang. «Frenetische Leidenschaft, erhabene Liebe, fantastischer Hass und heiliges Feuer» – mit diesen Worten hat ein französischer Kritiker ihre Darstellung der Atridentochter gerühmt, deren Rachegelüste sich in Mordfantasien ergehen.

Wer sie damals auf der Bühne sah, wird die innere Glut ihres Spiels, den Furor ihres Singens nie vergessen. Mensch und Figur wurden eins.

«Elektra», so erinnerte sie sich, «wurde mein zweites Ich. Mit jeder Aufführung wuchs ich in sie hinein mit Wort und Ton. Mit keiner anderen Gestalt hatte ich so eine Seelenverwandtschaft, ich kann mich nie mehr ganz von ihr loslösen, kann mich auch heute noch in sie zurückziehen. Es ist künstlerische Begeisterung im wahrsten Sinne des Wortes: ein durchgreifendes geistiges Erleben, das auf der Ebene des Außer-Sich-Seins mir eine volle Identifikation mit der Rolle ermöglichte … Ich denke keinen Moment mehr ans Singen. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Ungereimt

Traurige Rheintöchter. Seit 1864, dem Jahr ihrer Geburt (im Wiener Kärtnertortheater war’s, unter dem leicht irreführenden Titel «Die Rheinnixen») sitzen sie auf ihrem Loreley-Felsen und warten darauf, dass man sie auf Frankreichs Bühnen bittet. Bislang vergebens. Gut möglich, dass jene Kräfte, die ihren Schöpfer Jacques Offenbach nicht als «französischen»...

Überwältigendes Totaltheater

Die Afrikaner sollen das Marschieren lernen. Erst klappt es nicht so richtig. Sie bewegen sich zwar im Takt der Marschmusik, ihre Bewegungen erinnern jedoch an Stammestänze. Doch bald fügen sie sich und ziehen für ihre Kolonialherren in den Krieg. William Kentridges Stück «The Head and the Load» erzählt von den vielen afrikanischen Soldaten, die im Ersten...

Das reine Entzücken

Es ist 60 Jahre her, dass sich ein «zierliches, dunkelhaariges Mädchen mit strahlenden Augen [und] einem wie von Murillo gemalten Gesicht», so berichtet die Chronik des Glyndebourne Festivals, als Cherubino in die Herzen der Besucher sang: die damals 23-jährige spanische Mezzosopranistin Teresa Berganza. Wenig später stand sie neben der (Cherubini-)Medea von Maria...