Wie klingt eine dystopische Gesellschaft?

Sebastian Baumgarten und Thomas Hengelbrock scheitern in Bayreuth am «Tannhäuser» |

Opernwelt - Logo

Zu erwarten war der Flop nicht. Sebastian Baumgarten kann ein ernsthafter, ein bisschen abgehobener Hinterfrager sein, jemand der wirklich zu Inhalten durchdringen will und nicht bloß Plots aufmöbelt. Auf diese Weise ist ihm – nur ein Beispiel – in Kassel ein hellhöriger «Rosenkavalier» gelungen. Nix Happy End. Octavian und Sophie hatten so zuckersüße Grillen im Kopf, wie sie per Celesta und Harfe aus dem Orchestergraben stiegen. Jeder wusste, dass es mit den beiden nicht lange gutgehen würde. Statt Rokoko-Plüsch eine Diagnose vom Verfall emotionaler Sicherheiten.

Ein Stück über den Kreislauf von Begehren und Verlassen. Ein Fund. Auch Thomas Hengelbrock ist ein Mann für Funde. Letztes Jahr korrigierte er im Dortmunder Konzerthaus mit «Norma» eingeschliffene Hörerwartungen. Die Proportionen des Stücks traten neu und anders hervor. Bellini hatte plötzlich mehr mit Haydns «Schöpfung» zu tun als mit dem Verismo, in dessen Geist er lange malträtiert wurde. Akustisch sinnfällig war auch, was man längst weiß, aber eben nie hört: dass Wagner viel vom Kollegen gelernt, sogar geklaut hat. Etwa für das Vorspiel zum dritten Akt des «Tannhäuser». Baumgarten und Hengelbrock: zwei, die zueinander ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Synergetische Klangkunst

Franz Liszt ist einer der wenigen Komponisten des 19. Jahrhunderts, der alle Gattungen kompositorisch bedacht hat: Solostück, Kammermusik, Orchesterwerk, Lied, Messe und Oratorium, Konzert und Oper. Doch ausgerechnet die Oper wirkt wie ein Fremdling in seinem ansonsten so üppigen Werkkatalog. Als Jugendlicher versucht er sich an «Don Sancho ou Le Château de...

Im Schatten des Palio

Wie jeden Sommer machte in Siena auch in diesem Jahr vor allem der «Palio» die Musik, ein Pferderennen mitten in der Stadt, auf der Piazza del Campo. Mit beeindruckenden Sieges- und Schmähgesängen feierten die Bewohner des Stadtteils Nobile Contrada dell’Oca (zu deutsch: das Viertel der Gans) den Triumph «ihres» Jockeys Giovanni Atzeni und seines Hengstes...

Ein Whopper für Isolde

Angefangen hat es in Neustrelitz. An einem «lichten Sommertag» vor 14 Jahren. Irgendwie hatte es Ralph Bollmann in die ehemalige Hauptstadt des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz verschlagen. Doch vom Schloss, aus dem die bis heute verehrte Preußenkönigin Luise stammte, ist nur ein Schotterplatz geblieben. Auch sonst fand der Historiker kaum Spuren aus einer Zeit,...