Offensivkünstler, Vaterfigur, Gottsucher
Ein Haus mit der Nummer 15. Daneben die 20. Dann wieder eine niedrige Hausnummer. So springt das hin und her, in St. Georgen im Attergau. Wer soll das durchschauen? Und doch hat die mysteriöse Zählung System, hier in diesem Ortsteil unweit des Attersees, in dem noch das Rauschen der österreichischen Westautobahn zu hören ist. Denn hier herrscht noch ein altes, ehrwürdiges Dorfprinzip. Je betagter das Anwesen, desto niedriger die Hausnummer – bis hinab zum ältesten, zu seinem. Nikolaus Harnoncourt wohnte in der Nummer 1.
Etwas knifflig war es für den Erstbesucher, zu diesem ehemaligen Pfarrhaus zu finden, dessen elektrisches, leise summendes Hoftor immer wie eine bizarre Pointe wirkte im Vergleich zum verwunschenen Charme des Gemäuers. Wie eine Folge eben jenes so besonderen Harnoncourt’schen Humors, den auch der Gast gelegentlich zu spüren bekam: «Schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben.» – «Wie kommen Sie darauf, dass ich Zeit habe?»
Die hatte er eigentlich nie. Was stimmte, wenn er von seinen Interessen erzählte, die oft gar nichts mit Musik zu tun hatten und dann irgendwie doch. Ein Interview? Erst einmal in die Werkstatt. Fein säuberlich aufgereiht dort die Holzstühle, ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Abschied, Seite 28
von Markus Thiel
Wenn der Autor eines Textes über klassische Musik Engländer sei, stichelte der Dirigent James Levine einmal in einem Interview, könne man das auch ohne Namensangabe sofort erkennen. An den überschwänglichen Verweisen auf Bax, Delius, Tippett oder Brian. Oder auf Holst. Oder eben auf Ralph Vaughan Williams (1872-1958).
Letzterer, dem Nicht-Briten vor allem als...
Was ist denn das für eine Attentäterin? Anstatt das zu tun, wozu sie gekommen ist, nämlich den Diktator umzulegen, lässt sie sich von ihm betören – und wirft sich schließlich sogar in die Schusslinie, als die Gattin des Despoten das vollenden will, was sie nicht konnte. Ernst Krenek hat den nur 30 Minuten langen Einakter «Der Diktator», dessen Handlung seltsam...
Glöckchentöne einer Celesta. Gläserne Klangschlieren. Aus höchsten Fernen, raffiniert gemischt. Im ersten Moment ist kaum auszumachen, dass hier Piccoloflöten schwirren und Violinen flirren. So geht es los. Bald setzt die Stimme ein, behutsam, tastend, auf ruhigem Atem. «Let me tell you how it was», singt Barbara Hannigan, jeden Laut wägend, als suche ihr lyrisches...
