An der Kitschgrenze
«L’Ȃge mûr» («Das reife Alter») heißt eine der bekanntesten Plastiken von Camille Claudel. Sie zeigt eine junge Frau, die flehentlich nach der Hand eines davoneilenden Mannes greift, den eine alte Frau mit sich zieht. Die Bildhauerin spiegelte darin eine Ursituation ihres Lebens: die dauerhaft aussichtslose Liebe zu ihrem 24 Jahre älteren Lehrer und zeitweisen Geliebten Auguste Rodin. Dass Rodin sich letztlich gegen sie entschied, gehörte zum tragischen Verlauf eines Lebens, dessen letzte 30 Jahre Claudel in der Nervenheilanstalt von Montdevergues verbrachte.
Mit stark biografischen Parallelen zwischen Leben und Werk konzipierten der Komponist Jake Heggie und Librettist Gene Scheer den Zyklus «Camille Claudel: Into the Fire» für Stimme und Streichquartett, den Joyce DiDonato bereits 2012 uraufgeführt hat. Nun liegt der Mitschnitt einer Aufführung aus dem vergangenen Jahr in der Wigmore Hall vor, nachdem zu Jahresbeginn bereits die Oper «Great Scott» erschienen war, die Heggie ebenfalls für DiDonato geschrieben hat.
In seinem subtil instrumentierten Liederzyklus greift der amerikanische Komponist geschickt die musikalische Atmosphäre des «impressionistischen» Zeitalters auf, die ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Michael Stallknecht
Medea. Allein der Name provoziert, irritiert, spaltet den, der ihn in den Mund nimmt. Ruft Entzücken wie Entsetzen hervor, lässt das Herz beben, die Seele erzittern. Medea. Ein Hall von Assoziationen begleitet sie auf ihrem Weg, folgt der Eumeniden Erfüllerin, auf ihrer Spur: der Spur des Todes. Denken wir an Medea, schiebt sich unweigerlich eine Frage ins Feld...
Von fremden Ländern und Menschen», dem Eingangsstück in Robert Schumanns «Kinderszenen», fühlt man sich «wie aus der Ferne» angesprochen: nicht im Sinne spektakulärer Exotika, sondern als Ausdruck erwartungsvollen Staunens. Und selbst dem durchaus Reiselustigen kann es immer noch so ergehen, kommt er beispielsweise, in bereits vorgerücktem Alter, erstmals nach...
Einszweidrei, im Sauseschritt ... Mehr als ein halbes Jahrhundert ist Theodor W. Adornos berühmtes Verdikt (aus der «Einleitung in die Musiksoziologie») jetzt alt, Oper hätte «nach Stil, Substanz und Haltung [...] nichts mehr mit denen zu tun, an die sie appelliert». Avancierte Komponisten in Europa hatten sich in diesem Sinne damals radikal von erzählenden Werken...
