Geliehene Kantilene
Der Polizeichef von Venedig singt mit hoher Sopranstimme. Vor TV-Kameras und Rundfunkmikros gibt er sich absolut sicher: Die Brandstifter werden gefasst. Seine Musik kommt uns irgendwie bekannt vor. Genauer: seine elegant durch Oktaven tänzelnde Melodie. Die Harmonien freilich reiben mehr im Ohr als gewohnt, und auch mit dem Rhythmus stimmt etwas nicht. In Ligetis «Le Grand Macabre» ist der Polizeichef ebenfalls ein hoher Sopran. Doch diese Melodie hier hat mit Ligeti definitiv nichts zu tun. Sie ist Futter für Kolorateusen, die sich auf Belcanto verstehen.
Woher sie stammt, wird uns am nächsten Tag der Komponist verraten. Vorerst steht fest: Der Polizeichef, der da in Gestalt der virtuosen Sirkka Lampimäki erklärt, man habe alles im Griff, liefert eine Show für die Medien. Er muss das tun. Denn kurz zuvor ist La Fenice in Flammen aufgegangen, das Kleinod der Stadt, Schmuckkästchen und Symbol ihrer musikalischen Tradition. Wenige Szenen später wird zumindest einer der Täter gefasst. Im Gefängnis hat er eine herrliche Lamento-Arie, und auch diese Musik kommt uns bekannt vor. Sie ist weniger verfremdet, und deshalb funktioniert das Klanggedächtnis besser: Ja, das muss die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Stephan Mösch
Herr Schreier, Sie sind als Oratorien- und Liedsänger berühmt geworden. Die Oper kam erst später hinzu?
Ja, so ist es. Meine Entwicklung ging vom Dresdener Kreuzchor aus, von der Affinität zu den alten Meistern. Warum bin ich überhaupt zur Oper gekommen?! Ich werde es Ihnen sagen: Eine Gesangskarriere kann man nicht ohne Oper machen.
Fühlten Sie sich zur Oper...
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Was haben «Carmen» und «Don Giovanni» gemeinsam? Nichts. Wenn die jüngsten CD-Veröffentlichungen beider Opern an dieser Stelle dennoch gemeinsam gewürdigt werden, hängt das mit der Entstehung beider Produktionen zusammen. Im letzten Jahrzehnt sind neue Opern-Veröffentlichungen auf CD selten geworden, zugunsten der DVD. Meist handelt es sich (wie bei den...
