Très charmant
«Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?» Gute Frage. Leider selten richtig beantwortet. Wer etwa unter einer «körperdysmorphen Störung» leidet, muss höllisch aufpassen, sein Selbst nicht zu verlieren, versteht man doch darunter die Sucht, sich selbst ständig stundenlang anschauen zu müssen – allerdings nur, um das Manko zu sehen, nicht die Vorzüge.
Für Elsa Dreisig gilt zum Glück Letzeres.
Der Blick in den Spiegel, so erzählt sie es im Booklet ihrer ersten Solo-CD, habe geholfen, sich ihrer Stimme bewusst zu werden, den Unterschied zwischen Sein und Schein zu entdecken. Diese durchweg positive Erfahrung hat sie sich bewahrt – und zum Leitfaden der vorliegenden Aufnahme mit dem hintersinnigen Titel «Miroir(s)» gemacht. Jeweils zwei Komponisten spiegeln ein und dieselbe Figur, mit ihren individuellen Möglichkeiten. Auf dass der Blick auf diese Figur klarer werde.
Gleich die beiden ersten Stücke bilden die berühmte Ausnahme. Gounods Marguerite und Massenets Thaïs eint nur das Verlangen. Aber wie durchdringend enthemmt äußert sich – bei Massenet dunkel vibrierender, ekstatischer– die Lust an den narzisstischen Reizen! Schon im rezitativischen Teil ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: CD des Monats, Seite 21
von Jürgen Otten
Natürlich dürfen wir uns Schumanns Faust nicht leibhaftig vorstellen. Als Grübler mit gebeugtem Kopf, zerfurchter Stirn, in fadenscheiniger Kluft. Auch Gretchen ist bei ihm nicht eine Verführte aus Fleisch und Blut, so wenig wie Mephisto ein hölleneifrig-zynischer Tatmensch, der ihren und manch anderen Fall einfädelt. In den Bruchstücken, die Schumann für sein...
Nein, auf altdeutsche Traulich- und Knorrigkeit braucht eine aktuelle «Meistersinger»-Interpretation nicht zu verzichten, wenn man sie nicht eins zu eins und zum Anlass für nationale Einpeitschungsrituale nimmt. Nigel Lowerys Tribut an Butzenscheibenästhetik und wuseligen Detailreichtum zielt eher auf ironische Verschwipsung, Pathosreduktion, verkleinerte...
Der Schöpfer selbst nannte sein Werk eine «Oper ohne Komponisten». Tatsächlich war es eine Reihe von (ahnungslosen) Tonsetzern, bei denen sich Lorenzo Da Ponte für sein Pasticcio «L’ape musicale» («Die musikalische Biene») bediente. Die Sache erwies sich als so ertragreich, dass er das Potpourri gleich viermal auf die Bühne brachte: in Wien (1789 und 1791), in...
