Über allen Gipfeln keine Ruh'
Dort, wo sich viele «Tristan»-Aufführungen szenisch ziehen, im dritten Akt beim großen Fiebermonolog des Titel-Antihelden, wird es diesmal spannend. Wir erleben nicht nur einen Tenor, der mit seiner Partie ringt, sondern sehen – in diffuses Rot getaucht – Tristan als Kind. In einer Mischung aus Uterus und Dante’schem Fegefeuer wird schlagartig das Trauma dieser Vollwaise deutlich. Plötzlich wirken eingeblendete Naturbilder von schwarzen, engstehenden Baumstämmen plausibel, verkehrt sich die Außen- in eine Innenperspektive, verschwimmen die Zeitebenen.
Tristans Angst wird als Todessehnsucht regelrecht sichtbar. Dieser Mensch, der die Wunden seiner Kindheit in sich trägt, kann gar nicht anders, als sich mit allem, was er tut, gegen sich selbst zu richten. Endlich – es ist ja spät am Abend – finden die aus Videos, gebauten Räumen und Licht zusammenkomponierten Szenenbilder im Baden-Badener Festspielhaus zu einer schlüssigen Grammatik. Für ein paar Minuten bekommen der polnische Regisseur Mariusz Trelinski und sein Team das Stück in den Griff.
Zwei Akte lang hatten sie versucht, «Tristan und Isolde» auf die Realität eines Kriegsschiffes herunterzubrechen und der von Wagner ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch
In Alexander Zemlinskys Opern rumort eine schwüle, mit Gewaltfantasien grundierte Erotik. Sein selten aufgeführtes Opus summum «Der König Kandaules» treibt die Obsessionen auf die Spitze. Wörtlich genommen ist die Geschichte schwer verdaulich: Der König begreift seine schöne Gattin Nyssia als Besitz. Erst entschleiert er sie wie eine Trophäe vor den Höflingen, dann...
Noch immer scheint Vincenzo Bellinis «Norma» untrennbar mit der Primadonna assoluta Maria Callas verbunden, die in den 1950er-Jahren das Werk rehabilitierte und mit ihrer Interpretation bis heute Maßstäbe setzte. Auch Cecilia Bartolis Versuch einer von dramatischem Gewicht deutlich befreiten Neudeutung der halsbrecherischen Partie der Druidenpriesterin konnte daran...
Lange Zeit hatte Bohuslav Martinus «Griechische Passion» einen schweren Stand: 1957 von Covent Garden vor der Uraufführung abgelehnt, erfuhr das Werk gravierende Umarbeitungen, ehe es – erst nach dem Tod des Komponisten – 1961 in Zürich aus der Taufe gehoben wurde. Ein Renner ist das auf einem Roman von Nikos Kazantzakis basierende Stück immer noch nicht. Denn die...
