Stimme der Natur
Am Anfang glaubt man Jenufas Mühle zu hören. Nur dass es keine Wassermühle ist, die in Déodat de Séveracs Kurzoper «Le Cœur du moulin – Das Herz der Mühle» (1901-1908) klappert, sondern eine der charakteristischen Windmühlen im südfranzösischen Languedoc. Der Mistral streicht sanft durch die Segel und schwillt dann mächtig an.
Auch Janáceks Pantheismus ist in dieser Musik mit Händen zu greifen – allerdings in einer rauschhaft-nietzscheanischen Variante: Jacques, der bäuerliche Heimkehrer auf die väterliche Scholle hört die Erde, das Herz der Mühle, den murmelnden Bach singen. Und zwar ganz real, als irisierenden Chor in gereimten Sechshebern. Unterdessen verleiht das Orchester dem Wasser, dem Wind, dem Boden und der Hitze lautmalerisch Stimme. Im Gegenzug zur Vermenschlichung der Elemente singen die Winzer verwehte Vokalisen, kaum verständliche Worte, als gehörten auch ihre Arbeitsabläufe und Bräuche zur Seele der Natur. Vertont ist das veristische Bauern-Drama à la «Tiefland» oder «Cavalleria rusticana» in einer an Debussy gemahnenden, doch eigenständigen Klangsprache. Orgiastisch feiert sie die Verschmelzung von Mensch und Natur – ganz im Sinne der Lebensreform-Bewegungen der ...
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Opernwelt September/Oktober 2010
Rubrik: Medien | CDs und DVDs, Seite 42
von Boris Kehrmann
Der Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Zeit der Manifestationen und Doktrinen politischer wie künstlerischer Provenienz. Das betrifft selbst Leute, bei denen man es kaum erwarten würde. Hugo von Hofmannsthal verfasste, um den von ihm mitbegründeten Salzburger Festspielen einen programmatischen Rahmen zu geben, anno 1919 ein Manifest. Liest man das heute, reibt...
Zwischen dem Bastille-Sturm und dem Ende der Napoleonischen Kriege watete Europa in Blut. Kein Wunder, dass auf den Bühnen die Geister der Toten zurückkehrten und schuldbeladene Gewissen in Angst-Psychosen trieben. Rossinis 14. Oper, «Sigismondo», Ende 1814 entstanden und nun zur Eröffnung des 31. Rossini-Opera-Festivals in Pesaro erst zum zweiten Mal nach 1827...
Ein Blick auf die Besetzungszettel dieser beiden historischen Fernsehopern ruft bei mir erst einmal nostalgische Gefühle wach. Ihre Erstausstrahlung habe ich als Schüler auf dem Bildschirm verfolgt, die meisten der beteiligten Sänger noch auf der Bühne erlebt. Beim Wiedersehen fast ein halbes Jahrhundert später ist mein Eindruck sogar noch stärker, was sicher auch...
